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Maria Wismeth von der Hessischen Filmförderung über blöde Klischees und Frankfurt als Filmstadt.

Frau Wismeth, was ist Ihr Lieblings-Frankfurt-Film?

Sehr gerne mag ich zum Beispiel den Kurzfilm "Schattengrenze" von Gunter Deller. Er hat zwei Jahre lang auf den Straßen der Stadt gefilmt, so sind ganz verschiedene Ansichten von Frankfurt entstanden. Berlin hat ein Gesicht, München hat ein Gesicht, Köln hat ein Gesicht - Frankfurt hat dagegen viele Gesichter.

Aber gerade als Filmstadt bekommt Frankfurt doch eher immer genau dasselbe Gesicht verpasst, von Vielfalt keine Spur: Skyline, Bahnhofsviertel, Häuserschluchten... so eine perfekte Krimikulisse eben.

Das stimmt. Die ruppige Seite von Frankfurt dominiert in der Darstellung. Industriebrachen, der Flughafen, Puffs... Oder es geht ums Banken-Milieu, wie in der Fernsehserie "Geld Macht Liebe". Obwohl es natürlich schön ist, dass Frankfurt dadurch in den Blick rückt. Dabei ist ein Teil der Stadt auch ländlich geprägt, eben sehr vielseitig. Frankfurt ist im Gegensatz zu München oder Köln keine klassische Filmstadt.

Woran liegt das? Frankfurt ist doch zum Beispiel so gut erreichbar, liegt in der Mitte des Landes, dann der Flughafen...

Dass so viele deutsche Filme in Köln spielen, hängt damit zusammen, dass das Land Nordrhein-Westfalen seit der Krise der Kohle viel für die Filmförderung ausgibt. Außerdem ist mit dem WDR der größte Sender der ARD vor Ort. München ist mit den Bavaria-Studios sowieso ein klassischer Filmstandort. Berlin ist das energetische Epizentrum junger Künstler. Das Beispiel Berlin zeigt aber auch: Es ist zu allen Zeiten viel im Fluss, diesen Sommer wurde im Rhein-Main-Gebiet soviel gedreht wie noch nie zuvor. Frankfurt hat durchaus das Potenzial, zu den großen Filmstädten zu gehören.

Die Hessische Landesregierung unterstützt die Filmförderung mit rund 9,3 Millionen Euro, das Land NRW gibt mehr als dreimal so viel aus.

Das Filmgeschäft in Europa ist ein Subventionsgeschäft, und in Deutschland läuft das nun mal zu einem großen Teil über die Bundesländer. Mit einem so bescheidenen Budget wie bei der kulturellen Filmförderung in Hessen, eine Förderung des Landes und des Hessischen Rundfunks, sind große Spielfilme schwer zu unterstützen. Im Bereich Dokumentarfilm sind wir aber gut dabei, genauso bei Kurzfilmen und in der Post-Production. HessenInvestFilm, der kommerzielle Filmfonds des Landes, hat jedoch gerade im Spielfilmbereich in den letzten sechs Jahren Impulse setzen können.

Ist Förderung tatsächlich alles?

Finanzielle Förderung ist wichtig, aber man kann auch über die Service-Schiene etwas verändern: Drehgenehmigungen vereinfachen, bei der Drehortsuche helfen, Transport- und Cateringfragen kostengünstig lösen. Darum bemüht sich bei uns die Film Commission. Frankfurt ist ja ein eher teures Pflaster, das ist ein Problem. Ein Filmteam kann für einen Catering-Service nicht so viel ausgeben wie eine Werbeagentur. Manchmal hilft es aber auch schon, wenn sich jemand aus der Politik richtig engagiert, nehmen Sie das Beispiel Bergstraße...

... wo der indische Star-Regisseur Ritesh Sidhwani Teile des Bollywood-Blockbusters "Don 2" drehen will.

Genau. Landrat Matthias Wilkes hat sich da persönlich sehr engagiert, und dafür gesorgt, dass die Crew aus Indien, darunter Sharouk Khan, in Heppenheim und Umgebung ideale Dreh-Voraussetzungen findet. Fachwerkhäuser gibt es auch anderswo in Deutschland, aber dass Heppenheim heute Sitz der Indo-German Film-Agency ist, hängt direkt mit dem Engagement Wilkes zusammen. Dass der Flughafen so nah ist, war sicher auch nicht hinderlich. Gut möglich, dass Sidhwani auch in Frankfurt drehen wird - er hat sich jedenfalls vor einiger Zeit Schauplätze angesehen, zum Beispiel den Osthafen, das Polizeipräsidium und die Bundesbank. An guten Drehorten mangelt es Frankfurt jedenfalls nicht.

Ein beliebter Drehort ist ja zum Beispiel auch der neue Newsroom der Frankfurt Rundschau.

Ist das so? Wie schön.

Ja, schon zweimal waren Filmteams bei uns. Einmal ging es um eine Folge für den Frankfurt-Tatort, einmal um eine Szene für den Film "Die kommenden Tage" mit Daniel Brühl, Johanna Wokalek und August Diehl.

Frankfurt wird zunehmend beliebter, man merkt das auch auf der Straße. Kürzlich sind sich sogar zwei Filmteams begegnet, ohne, dass sie sich verabredet hatten. Vor kurzem wurde ein Teil der deutsch-französischen Co-Produktion "Im Alter von Ellen" der Regisseurin Pia Marais bei uns gedreht. Es ist die Geschichte von Ellen, einer 43-jährigen Flugbegleiterin, die plötzlich vor den Scherben ihres Lebens steht.

Finden Sie es problematisch, dass es hier keine bekannte Filmhochschule gibt?

Nein, und so ganz stimmt das ja auch nicht. In der Nähe, etwa an der FH Wiesbaden und an der HfG in Offenbach, gibt es Filmklassen, die sehr gute Sachen machen.

Die Absolventen bleiben aber in der Regel nicht in der Region, die gehen nach Berlin ...

Stimmt. Aber ist das schlimm? Die Absolventen der berühmten Filmakademie Ludwigsburg bleiben doch auch nicht in Ludwigsburg. Nein, junge Leute sollen weggehen, sie sollen viel sehen. Berlin hat im Moment einfach einen Sog. Wichtig ist, dass auch Künstler und Produktionsfirmen nach Rhein-Main kommen, also ein Austausch stattfindet.

Sind Sie denn mit den Frankfurter Kinos zufrieden?

Jein. Wir haben tolle Kinos, nehmen Sie nur mal das "Orfeos Erben" oder das "Mal seh´n". Schön ist auch, dass man im Cinema am Rossmarkt wieder Filme sehen kann, die anderswo nicht oder nur kurz laufen. Wir haben nicht zu wenige Programmkinos, und auch nicht zu wenige Multiplex-Kinos. Es fehlt die Mitte: Mittelgroße Häuser, in denen Independent-Filme auch mal ein paar Wochen lang laufen. Wer in Frankfurt einen Film sehen will, muss derzeit schnell sein. Was wir haben, sind ein paar sehr feine Filmfestivals: Die Nippon-Connection, das Kinderfilmfestival Lucas und die Edit, um nur ein paar zu nennen. Darauf können wir stolz sein.

Interview: Anne Lemhöfer

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