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Interview

„Mehr Personal für die Versorgung“

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Andreas Reif von der Frankfurter Uniklinik spricht über strukturelle Mängel in der Psychiatrie.

Der Leiter der Klinik für Psychiatrie des Frankfurter Universitätsklinikums, Andreas Reif, möchte, dass die Diskussion dazu beiträgt, die Situation für Psychiatriepatienten zu verbessern.

In der Undercover-Reportage wird unter anderem die Überbelegung der Höchster Psychiatrie kritisiert. Wie sieht es am Universitätsklinikum aus?
Die gesamte Klinik, ob offene oder geschlossene Abteilung mit ihren rund 180 Behandlungsplätzen, ist zu 100 Prozent belegt. Und Überbelegungen auf der Akutstation sind auch bei uns relativ häufig.

Wie kommt das?
Es gibt eine stadtweite Aufteilung in vier Sektoren. Die Uniklinik ist für den Süden der Stadt einschließlich des Bahnhofsviertels zuständig. Wenn jemand von dort zwangseingewiesen wird, müssen wir ihn aufnehmen, auch wenn alle Betten belegt sind.

Der Vollständigkeit halber: Welche Kliniken sind für die anderen Stadtteile zuständig?
Das sind die Klinik Hohe Mark, das Markuskrankenhaus und Höchst.

Wenn die psychiatrischen Kliniken immer wieder überbelegt sind, müssten dann nicht die Kapazitäten erhöht werden?
Das ist in den letzten 15 Jahren, zumindest bei uns am Universitätsklinikum, nicht geschehen – obwohl Frankfurt in dieser Zeit enorm gewachsen ist. Hinzu kommen die Herausforderungen durch die Migration. Es ist nicht leicht, den Zugang etwa zu einem nordafrikanischen oder asiatischen Patienten zu finden.

Wo bleibt die Menschenwürde in der Psychiatrie? Die Fixierung von Menschen, die sich und andere gefährden, ist mit richterlicher Zustimmung zulässig.
Sie ist der allerletzte Ausweg. Die Mitarbeiter werden ständig geschult, wie man eine Situation deeskalieren kann. Aber das funktioniert leider nicht immer.

In Höchst ist die Psychiatrie in einem maroden Altbau untergebracht. Den Patienten des Universitätsklinikums geht es nicht besser. Der original Elsässer-Bau auf dem Campus in Niederrad entstand Ende der 20er Jahre.
Das ist richtig, aber seither sind auch schon erhebliche Instandhaltungsmaßnahmen durchgeführt worden. Es gibt ernst zu nehmende Zeichen aus der Politik, endlich die Mittel für eine grundlegende bauliche Sanierung und Erweiterung in die Hand zu nehmen. Leider haben Psychiatriepatienten keine Lobby und werden noch immer stigmatisiert.

Die Psychiatrie ist eine sprechende Medizin. Es werden keine hochwertigen medizinischen Geräte benötigt, sondern Ärzte und Pflegekräfte, die zuhören können.
Grundlage für die Personalbemessung ist die Psychiatrie-Personalverordnung, in der Patienten verschiedenen Gruppen zugeordnet werden, denen dann wiederum Zeitwerte und damit Personal entsprechen. Allerdings sind die Kriterien, nach denen die Zeitwerte bemessen werden, mittlerweile 25 Jahre alt.

Was hat sich in diesem Zeitraum geändert?
Eine Menge: Wir haben die Liegezeiten verkürzt – das bedeutet mehr Arbeit. Die Dokumentation hat gewaltig zugenommen, und die Psychotherapie wurde in die Psychiatrie integriert.

Es müsste also mehr Personal für die Psychiatrie geben?
Das liegt aus unserer Sicht auf der Hand. Auch da sind Gesellschaft und Politik gefragt. Für eine gute Versorgung braucht es entsprechende Rahmenbedingungen. Es ist eine gesellschaftliche Frage, wie mit Menschen umgegangen werden soll, die aufgrund ihrer psychischen Erkrankung nicht die gleichen Chancen haben wie andere.

Andreas Reif - Zur Person

Andreas Reif leitet die Klinik für Psychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie der Goethe-Universität in Frankfurt. Der Professor mit den Schwerpunkten Suizidprävention, therapieresistente Depression und bipolare Störungen ist auch Mitglied im Vorstand der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde.

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