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In der Odenwaldschule ist Schülerinnen und Schülern Schlimmes angetan worden – unter den Augen der Öffentlichkeit.

Missbrauch

Mehr als 500 Opfer an der Odenwaldschule Heppenheim

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Wissenschaftliche Studien belegen das erschreckende Ausmaß sexuellen Missbrauchs an der Odenwaldschule.

Fünf Jahre nach der Insolvenz der Odenwaldschule im südhessischen Heppenheim bringen zwei wissenschaftliche Studien Licht in den Skandal um jahrzehntelangen sexuellen Missbrauch. Dessen Ausmaß war noch weit schlimmer als bisher bekannt.

Möglich wurde die sexualisierte Gewalt nach den Erkenntnissen der Wissenschaftler auch, weil das hessische Kultusministerium, das hessische Sozialministerium und die Justiz wegschauten. „Für dieses Versagen der staatlichen Stellen bitte ich alle, denen auch deshalb Leid widerfahren ist, als heute Verantwortlicher um Verzeihung“, sagte der neue Sozialminister Kai Klose (Grüne) am Freitag in Wiesbaden.

Klose hatte die Wissenschaftler Jens Brachmann (Rostock) und Florian Straus (München) eingeladen, ihre Ergebnisse vorzustellen. Nach ihren Erhebungen wurden mehr als 500, vielleicht sogar 1000 Schülerinnen und Schüler Opfer der sexualisierten Gewalt an der Schule.

Brachmann nennt allein fünf Haupt- und Intensivtäter, darunter den ehemaligen Schulleiter Gerold Becker, dem mehr als 100 Kinder und Jugendliche zum Opfer gefallen sein sollen. Der Opfervertreter Adrian Koerfer nannte Becker „einen der schlimmsten Serienvergewaltiger in der Geschichte der Bundesrepublik“ und fügte hinzu: „Er allein hat mindestens 200 Opfer auf dem Gewissen.“

Die Akten ließen „Rückschlüsse auf weit mehr als zwei Dutzend Täter allein unter den pädagogischen und technischen Mitarbeitern der Odenwaldschule“ zu, heißt es in Brachmanns Studie, die im Mai vollständig erscheinen soll. Wenigstens fünf Täterinnen seien darunter gewesen. Weiter müsse davon ausgegangen werden, dass das Ausmaß der Gewalt zwischen Jugendlichen „während der 1970er Jahre ebenfalls kaum vorstellbare Dimensionen angenommen“ habe.

Die meisten Täter waren in den 1960er bis 1980er Jahren an der Odenwaldschule beschäftigt. Der Rostocker Pädagogikprofessor Brachmann erinnert aber daran, dass auch noch ein Lehrer, der von 2011 bis 2014 an der Schule tätig war, wegen massenhaften Besitzes von kinderpornografischem Material verurteilt wurde.

Das Missbrauchssystem war erstmals 1999 durch einen Bericht der Frankfurter Rundschau öffentlich bekannt geworden, zog aber erst nach einem weiteren Artikel in der FR gut zehn Jahre später Konsequenzen nach sich. Bei der Justiz war nach Brachmanns Darstellung bereits 1967 einer der Haupttäter, Gerhard T., angezeigt worden. Die zuständige Staatsanwältin habe den Vorgang aber fallen lassen – und zugleich einen Vortrag an der Odenwaldschule zur Liberalisierung des Sexualstrafrechts gehalten.

Namensschilder im Lernhaus der Odenwaldschule.

Straus sagte, allein aus den Interviews seines Wissenschaftler-Teams hätten sich „23 verpasste Chancen der Aufdeckung“ ergeben. So hätten sich betroffene Schüler der Internatsschule ihren Eltern anvertraut. Die seien aber vom reformpädagogischen Anstrich der Schule „geblendet“ gewesen und hätten die Vorgänge nicht angezeigt. Nach Brachmanns Worten erhielt die Odenwaldschule dabei „Flankenschutz der Kulturelite der alten Bundesrepublik“.

Zugleich seien die Schul- und Sozialbehörden ihrer Aufsichtspflicht nicht nachgekommen, stellte Straus fest. Sie hätten „eklatant versagt“, urteilte der Geschäftsführer des Instituts für Praxisforschung und Projektberatung (IPP) in München. Insbesondere dass sie nach der Veröffentlichung des Missbrauchssystems in der FR 1999 nicht eingeschritten seien, stelle „ein Versagen der Jugendämter, aber auch der Schulbehörde“ dar.

Die Selbstinszenierung der Odenwaldschule als Leuchtturm der Reformpädagogik war nach den Recherchen der Wissenschaftler eine Fassade, die der Wirklichkeit auch jenseits des sexuellen Missbrauchs nicht entsprach. Nicht nur Schulleiter Gerold Becker, sondern auch viele andere Lehrkräfte und „Familienhäupter“ in den Wohneinheiten hätten über keinerlei pädagogische Ausbildung oder Qualifikationen verfügt, berichtete Straus. Unter dem Personal habe sich eine Vielzahl von „alkoholabhängigen, gewalttätigen, emotional überforderten, mit sich selbst beschäftigten und sexuell übergriffigen“ Menschen befunden.

Straus erinnerte aber auch daran, dass auch „viele hoch engagierte und qualifizierte“ Lehrer an der Odenwaldschule tätig gewesen seien. Das habe „viele gelungene Bildungsbiografien“ von Schülerinnen und Schülern ermöglicht.

An der Odenwaldschule hatten Schülerinnen und Schülern in verschiedenen Häusern auf dem Grundstück jeweils unter der Leitung eines „Familienhaupts“ gelebt. Straus warnte davor, das „Familienprinzip“ in pädagogischen Einrichtungen generell zu verwerfen, nach dem auch heute noch häufig gearbeitet werde. Es könne „ein sehr vernünftiges Prinzip“ sein, wenn es professionell eingesetzt werde mit klaren Regularien, urteilte Straus.

Die beiden Studien waren auf Drängen der Opfer auf den Weg gebracht, aber immer wieder auf die lange Bank geschoben worden. Der Grünen-Landtagsabgeordnete Marcus Bocklet, der sich seit 2010 für Aufklärung und Zahlungen an die Opfer eingesetzt hatte, sagte rückblickend, er habe sich nicht vorstellen können, „welche Dimension von politischen Widerständen und von institutionellen Widerständen“ dem entgegenstehen würde.

Bocklet fügte ein Versprechen hinzu: „Wir werden alles daransetzen, dass sich so etwas nie wiederholt“. Ebenso wie Minister Klose versicherte er, die Bemühungen um Prävention zu verstärken. Bocklet forderte zudem, die Verjährung für sexuellen Missbrauch abzuschaffen. Die Erfahrung zeige, dass Betroffene oft jahrzehntelang nicht über das Erlittene sprechen könnten.

Heiner Keupp, Peter Mosser, Bettina Busch, Gerhard Hackenschmied, Florian Straus, Die Odenwaldschule als Leuchtturm der Reformpädagogik und als Ort sexualisierter Gewalt, 422 Seiten, 44,99 Euro.

Im Mai erscheint: Jens Brachmann, Tatort Odenwaldschule.

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