Hanau

Mehr Leben in den letzten Tagen

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Am Welthospiztag stellt das Wohnstift Hanau seine Palliativ-Versorgung vor. Die Einrichtung will die Lebensqualität von unheilbar kranken Menschen in deren letzten Tagen verbessern, ihnen ein Sterben in Würde ermöglichen.

Sanft streicht Betreuerin Bärbel Tapp Maria Sander (Name geändert) übers Haar und schwärmt: „Dicht und kuschelig ist es.“ Die an Lungenkrebs erkrankte Sander, der ein Gerät beim Atmen hilft, schließt ihre Augen, lächelt und stimmt zu: „Ja, sie wachsen wieder!“ Auf die Frage, wie es ihr in der Palliativ-Oase im Wohnstift Hanau gefällt, hebt sie den Daumen. „Hier fühle ich mich sicher. Wenn ich umkippe oder Schmerzen habe, ist jemand da, der mir helfen kann.“

Ihre Wünsche werden berücksichtigt, Sander darf etwa draußen rauchen. „Ich tue es ab und zu, rauche nicht hundert Zigaretten“, meint sie und lacht. Mit einer anderen Bewohnerin sitzt sie gerade am Tisch in der Wohnküche, in der auch ein Klavier steht, und bemalt Steine für den Weihnachtsbasar, mit Blumen und Schneemännern.

Am Welthospiztag am Samstag hat das Wohnstift in der Lortzingstraße, das zu den Alten- und Pflegezentren des Main-Kinzig-Kreises gehört, seine Palliativ-Versorgung vorgestellt. Die Einrichtung will die Lebensqualität von unheilbar kranken Menschen in deren letzten Tagen verbessern, ihnen ein Sterben in Würde ermöglichen. „Dem Sterben mehr Leben geben“, lautet ein Leitsatz von Palliative Care.

Im Wohnstift, wo derzeit 255 ältere Menschen leben, kümmern sich zwei Einheiten darum: In der Palliativ-Oase, die vor rund drei Jahren eröffnet wurde, gibt es 13 Einzelzimmer mit Bad, die individuell eingerichtet werden können. Ein interdisziplinäres Team, das unter anderem aus Pflegern, Palliativ-Care-Fachkräften, Ärzten und Ehrenamtlichen besteht, ist hier für die Gäste – so werden die Bewohner genannt – im Einsatz. Sie bekommen zum Beispiel Medikamente gegen Schmerzen oder Übelkeit, damit sie nicht leiden müssen, aber auch Ernährungsberatung und Seelsorge. Der Personalschlüssel bei der Pflege liegt hier bei fast 1:6 und damit spürbar höher als in anderen Wohnbereichen. Die Arbeitsbelastung ist auch im Wohnstift hoch.

Auf Anregung des Fördervereins Palliative Patienten-Hilfe Hanau hat das Stift kürzlich zusätzlich ein „Expertenteam Palliative Pflege“ aufgebaut. Die Mitarbeiter – mit insgesamt zweieinhalb Vollzeitstellen – leisten eine Art ambulante Versorgung für die anderen 242 Pflegeplätze. Das bedeutet, dass sie Pfleger im Umgang mit Menschen in der letzten Lebensphase anleiten, aber auch selbst aktiv helfen, wenn jemand im Sterben liegt. „Wir können uns mehr Zeit nehmen, um ihm in Ruhe etwas Gutes zu tun, zum Beispiel die Beine zu massieren“, sagt Palliativ-Care-Fachkraft Susanne Lind, die in der Oase tätig war, bevor sie ins Expertenteam wechselte.

Mit diesen Angeboten, die wissenschaftlich begleitet werden, ist das Wohnstift Vorreiter im Kreis. „Mit dem EPP-Team wollen wir vor allem die Pflegequalität für die Betroffenen verbessern, etwa Schmerzen oder Ängste zu vermeiden oder zumindest verringern“, sagt Stephan Hemberger, Leiter des Wohnstifts. Außerdem gelte es, dadurch Einweisungen ins Krankenhaus zu verhindern, damit die Leute in ihrer gewohnten Umgebung sterben könnten.

Das EPP-Projekt ist zunächst auf zwei Jahre angelegt. Von den jährlichen Kosten in Höhe von etwa 160 000 Euro übernimmt der Förderverein 80 Prozent, die Alten- und Pflegezentren 20 Prozent. Ab dem kommenden Jahr sollen die Kassen die Palliativversorgung in Heimen besser finanzieren. Hemberger verspricht, weitere Stellen zu schaffen.

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