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Einige Menschen glauben, Ärzte hätte immer für sie bereit zu stehen. 

Medizinische Versorgung

Einfacher für die Patienten

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Selbstbedienungsladen zum Nulltarif: Viele Patienten haben ein merkwürdiges Verständnis von medizinischer Versorgung. Der Kommentar. 

Es war im vergangenen September in einer Klinik in Wiesbaden: Ein Unbekannter schlug auf eine Krankenschwester ein, weil sein an der Hand verletzter Kumpel nicht als dringender Notfall eingestuft wurde. Die Notaufnahme war voll, die Schwester hatte ihn auf eine längere Wartezeit hingewiesen. Hätte sich etwas geändert, wenn man den Patienten zum Ärztlichen Bereitschaftsdienst weitergeschickt hätte? Nicht unbedingt.

Es gibt Menschen, die verstehen das Gesundheitssystem als Selbstbedienungsladen zum Nulltarif. Frei nach dem Motto: Ich zahle meine Krankenversicherung, deshalb kann ich den Service so nutzen, wie es mir gefällt. Kann jede Woche zum Arzt gehen, auch wenn ich nur Fußpilz habe. Bei einem verdorbenen Magen den Rettungswagen rufen. Und in der Notaufnahme muss ich flott bedient werden. Das ist mein gutes Recht.

Wer so tickt, der schert sich nicht darum, dass er mit seinem Männerschnupfen dem medizinischen Personal Zeit stiehlt für Schwerkranke, die dessen Hilfe wirklich bedürfen.

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Doch die meisten Menschen, die mit Bagatellerkrankungen die Notaufnahmen aufsuchen, tun dies schlicht und einfach aus Unwissen. Aus Unkenntnis über die anachronistische Teilung des deutschen Gesundheitswesens in Sektoren. Für nicht lebensbedrohliche Fälle sind die Kassenärzte die erste Anlaufstelle beziehungsweise – wenn die Praxen geschlossen sind – der von ihnen organisierte Ärztliche Bereitschaftsdienst.

Die Kassenärztliche Vereinigung (KV) Hessen hat auf die vielen Irrläufer reagiert und die meisten Bereitschaftsdienstzentralen in die Nähe von Krankenhäusern verlagert. Eine gemeinsame Anlaufstelle für alle Patienten wie in Höchst wäre jetzt der nächste logische und patientenfreundliche Schritt. Flächendeckend in ganz Hessen, so wie es im Koalitionsvertrag steht.

Ein richtiges und wichtiges Vorhaben für die aktuelle Legislaturperiode. Aber auch eine organisatorische Herausforderung mit selbstbewussten Partnern, die sich ungern von der Politik etwas vorschreiben lassen.

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