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Volker Roelcke untersucht, ob es an der Uni Gießen illegale Medikamententests gab.

Pharmatests in Kinderheimen

„Menschen als Versuchsobjekte“

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Der Medizinhistoriker Professor Volker Roelcke spricht im FR-Interview über Pharmatests in Kinderheimen und an der Uni Gießen, die ohne Wissen der Probanden vorgenommen wurden.

In den 50er und 60er Jahren sollen Medikamente in Kinderheimen erprobt worden sein, ohne die Betroffenen nach einer Einwilligung zu fragen. Auch an der Universität Gießen könnte es solche Versuche gegeben haben. Volker Roelcke, Professor für Geschichte der Medizin, ist von der Uni beauftragt worden, Licht ins Dunkel zu bringen.

Die Öffentlichkeit wurde aufgeschreckt durch Berichte über Medikamentenversuche in Kinderheimen in früheren Jahrzehnten. Wusste die Fachwelt denn davon?
Nein. Das wurde erst durch einen Aufsatz von Sylvia Wagner im vergangenen Jahr öffentlich gemacht. Es war für mich aber keine Überraschung. Es gibt sehr viele längerfristige Tendenzen, Medikamente an vulnerablen Gruppen zu erproben.

Also an Menschen, die sich nicht wehren können?
Ja, genau. Vulnerable Gruppen sind etwa Kinder, Jugendliche, vor allem in Heimen, demente oder behinderte Menschen oder auch Gefängnisinsassen.

Gab es in den 50er und 60er Jahren schon eine Vorschrift, wonach Forscher das Einverständnis der Teilnehmer an Versuchen einholen mussten?
Es gab auch in dieser Zeit eine Vorschrift, dass die Probanden oder ihre gesetzlichen Vertreter über Nutzen und Risiko und den Sinn, etwa einer Medikamentenstudie, informiert werden und dass sie zustimmen müssen. Das waren Richtlinien aus dem Reichsinnenministerium, die gab es schon seit 1931. Sie galten auch in der Zeit des Nationalsozialismus und in der frühen Bundesrepublik. De facto sind diese Richtlinien erst durch das Arzneimittelgesetz von 1961 ersetzt worden.

Ist die Zustimmung der Probanden denn heute selbstverständlich?
Formal ja. Aber in der Praxis muss man genau hinschauen. Es existieren viele Beispiele dafür, dass es in Teilen der Ärzteschaft nur ein eingeschränktes Problembewusstsein gibt, wenn Patienten als Probanden herangezogen werden.

Die Gießener Universität hat mit dem Thema zu tun, weil für einen ihrer Ärzte 1959 ein Medikament bei der Firma Merck bestellt worden sein soll, das noch nicht zugelassen war. Es trug das Kürzel H 502. Was war das für ein Medikament?
Es war eine Kampfer-Verbindung, die eine leicht stimulierende Wirkung haben sollte. Eine solche Wirkung könnte für eine Zielgruppe in der Psychiatrie oder in der Behindertenfürsorge durchaus einen Sinn haben.

Wissen Sie, wie, wo und an wem es erprobt worden ist?
Nein. Dieses Medikament ist auch nie auf den Markt gekommen. Wir wissen nur aus der Arbeit von Frau Wagner, dass der Mediziner Hans Heinze senior das Präparat in seiner Klinik in Wunstorf bei Hannover erprobt und die Firma Merck gebeten hat, Medikamentenproben auch an seinen Sohn Hans Heinze junior zu schicken, der in Gießen gearbeitet hat.

Vater Heinze war in der NS-Zeit an der Tötung von behinderten Menschen beteiligt. Wurde damals, etwa in Gießen, darauf geachtet, welche Vorgeschichte Ärzte in der NS-Zeit hatten?
Vater Heinze war einer der Protagonisten der Euthanasie, die Menschen für „lebensunwert“ erklärt hat und an ihrer Tötung beteiligt war, darunter viele Kinder und Jugendliche. Dafür ist er nach dem Krieg verurteilt worden und war bis 1952 in der DDR in Haft. Das heißt aber selbstverständlich nicht, dass der Sohn in irgendeiner Form verwerflich gehandelt haben muss. Allgemeiner lässt sich sagen, dass es in den ersten Nachkriegsjahrzehnten in der Ärzteschaft und vor allem in medizinischen Organisationen kaum eine Bereitschaft gab, sich kritisch mit der Frage auseinanderzusetzen, was genau in der Medizin zur Zeit des Nationalsozialismus geschehen war, und unter welchen Bedingungen Ärzte und medizinische Forscher bereit sind, sich über elementare humanitäre Prinzipien hinwegzusetzen. Gleichzeitig gab es das ganze 20. Jahrhundert hindurch eine verbreitete Mentalität in der medizinischen Forschung, die Menschen hauptsächlich als Versuchsobjekte betrachtet. Aus dieser Perspektive war der Gewinn von neuem medizinischem Wissen wichtiger als das Wohl der einzelnen Versuchsperson. Diese Mentalität ist sehr viel weiter verbreitet als nur während des Nationalsozialismus. Meine Hypothese ist, dass sie in der nationalsozialistischen Zeit nur in besonders extremer Weise sichtbar geworden ist. Vielleicht repräsentiert der Sohn diese weiter verbreitete Mentalität der Nutzung von Menschen zu Forschungszwecken.

Sylvia Wagner konnte in Unternehmensarchive, etwa von Merck und Behring, Einsicht nehmen. Welche Rolle spielt die Pharmaindustrie bei der Aufklärung oder mangelnden Aufklärung?
Die Pharmaunternehmen und ihre Firmenarchive sind sehr unterschiedlich in der Handhabung. Sie sind nicht an das Bundesarchivgesetz oder die Archivgesetze der Länder gebunden, die nur für öffentliche Archive gelten. Private Archive sind völlig frei in Bezug auf Zugangsregelungen. Oft sind die Mitarbeiter sehr kooperativ. Sie können Historiker aber auch sehr behindern.

Für Hochschulen wird der Kampf um Drittmittel immer wichtiger. Scheuen sich Unis vor solcher kritischen Forschung, weil es dann schwierig werden könnte, Mittel von Pharmafirmen einzuwerben?
Zunächst möchte ich sagen, dass die Leitung der Universität Gießen und ebenso des Fachbereichs Medizin die jetzt anstehende Aufklärung uneingeschränkt und nachdrücklich unterstützt. Die Problematik, die Sie ansprechen, verweist allerdings auf einen durchaus vorhandenen breiteren Themenkomplex: Wenn Drittmittel direkt von der Industrie kommen, etwa von Pharmaunternehmen, ist die Frage, wie frei die Forscher sich fühlen und wie frei sie sich verhalten. Es kann auch ohne explizite Vorgaben oder Erwartungen von außen so etwas wie eine Selbstzensur geben, von den Forschern oder von der Institution, weil sie die Sorge haben, Geldgeber zu verärgern – und gleichzeitig einen enormen Druck, Drittmittel einzuwerben.

Interview: Pitt von Bebenburg

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