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Lichter-Direktor Gregor M. Schubert läuft auf Hochtouren.

Lichter Filmfestival

Gesichter der Großstadt

Das Lichter Filmfest lockt in diesem Jahr mit einem größeren Programm, entspannteren Organisatoren und einem riesigen Festivalzentrum.

Von Stephan Loichinger

Das Lichter Filmfest lockt in diesem Jahr mit einem größeren Programm, entspannteren Organisatoren und einem riesigen Festivalzentrum.

Was ein richtiges Filmfestival sein will, braucht Premieren. Und das Lichter Filmfest will ein ordentliches Festival sein. Weil es seit dem vergangenen Jahr mit vollem Namen Lichter Filmfest Frankfurt International heißt, braucht es jetzt mehr als regionale Premieren. Im diesjährigen Wettbewerb finden sich zwei deutschlandweite Uraufführungen, dazu sogar zwei Weltpremieren. Die Organisatoren haben einen Sponsor für einen Publikumspreis gefunden, der erstmals neben dem mit 4000 Euro dotierten Förderpreis und dem mit insgesamt 1500 Euro verbundenen Preis für den besten Kurzfilm vergeben wird. Der neue Preis bringt 2000 Euro und geht an einen regionalen oder internationalen Festival-Spielfilm, der noch keinen Kinostart hatte. Neu ist auch „Lichter Streetview“, eine Reihe von Projektionen in der Frankfurter Innenstadt. Und vielleicht am wichtigsten: Nach dem Abriss des Turmpalast-Ensembles mit dem alten, von vielen geliebten Lichter-Festivalzentrum haben die Organisatoren mit Hilfe des Scouting-Agentur Kaczmarek einen neuen Ort für Premierenempfänge, Partys, Bar, Restaurant und weiteres Rahmenprogramm aufgetrieben.

Ohne Übertreibung lässt sich sagen: Das neue Festivalzentrum ist riesig. Agenturchefin Regina Kaczmarek kannte das leerstehende Bürogebäude an der Mainzer Landstraße auf halber Strecke zwischen Opernplatz und Platz der Republik schon. „Teile von Matthias Schweighöfers ,Schlussmacher‘ und der Nazi-Satire ,Iron Sky‘ wurden hier gedreht“, berichtet sie im dichten Schneetreiben am vorigen Dienstag vor der Tür, an der noch ein verblasstes Logo der HypoVereinsbank zu erkennen ist. Dann geht es endlich hinein. Innen wölbt sich die Decke des Atriums wie ein Himmel über den Eintretenden: Wir sehen die Schneeflocken 78 Meter tief fallen, denn so hoch ist das Atrium hier. Das alles gilt es zu bespielen, zu bestaunen. Leider verboten: den filmreifen Außenaufzug im Atrium zu benutzen.

Das Budget steigt

„Welches Festivalzentrum könnte besser zum Thema unserer internationalen Filmreihe passen als das hier?“, fragt Lichter-Festivaldirektor Gregor Maria Schubert, aber es ist eher eine Feststellung. Nachdem es im vorigen Jahr aus aller Welt Filme über Revolutionen zu sehen gab, wird dieses Mal das Thema Stadt auf großer Leinwand verhandelt. „Das ist von höchster gesellschaftlicher Relevanz, viele bis alle reden darüber. Wir im Orga-Team haben uns viel mit dem Stadtraum in Frankfurt auseinandergesetzt, nicht zuletzt über Zwischennutzungen leerstehender Räume“, sagt Schubert.

In Frankfurt ist Stadt naturgemäß ein Thema, ständig verändert sie hier ihr Gesicht. Für Leute wie die Lichter-Organisatoren – neben Schubert Cordula Mack, Johanna Süß und Michael Hack – heißt das mit den Worten des Direktors auch: „Unsere Vision von Frankfurt umfasst Urbanität, Gemütlichkeit, Herzlichkeit, dafür wollen wir Orte schaffen.“ Auch dafür dient das Lichter Filmfest.

Adam Leons New Yorker Graffiti-Sprayer-Film „Gimme The Loot“ eröffnet die Reihe mit 13 Beiträgen, sieben davon sind Deutschlandpremieren, darunter „Shanghai“ aus Indien, „Bellas Mariposas“ aus Italien, „Stateless Things“ des Südkoreaners Kim Kyung-Mook, Akira Kurosawas „High and Low“ von 1963 und F. W. Murnaus „Der letzte Mann“ von 1924. Weitere Glanzstücke des jüngeren Weltkinos laufen außer Konkurrenz, etwas Gus Van Sants „Promised Land“ über Fracking und Leos Carax’ gefeierte Filmfantasie „Holy Motors“.

Im Wettbewerb laufen Filme mit Regionalbezug, sei es durch Regisseur, Produzent, Drehort, Filmförderung. Melanie Gärtners Flüchtlingsdokumentation „Im Land dazwischen“ und „Geboren in Offenbach“ von Angela Freiberg und Nina Werth feiern ihre Weltpremiere, auch Cate Shortlands Nachkriegsdeutschlandstudie „Lore“ und David Sievekings Demenz-Doku „Vergiss mein nicht“ sind am Start. Erstmals in Europa zu sehen ist eine Retrospektive zum US-Regisseur James Gray, der mit „Little Odessa“ und „We Own The Night“ bekanntwurde.

Das ist der Anspruch der Lichter: von Mal zu Mal heller zu strahlen. „Mit der Etablierung der internationalen Filmreihe sind wir im vorigen Jahr ins Risiko gegangen – doch es hat sich gelohnt“, sagt Gregor Maria Schubert, der nach den 7000 Besuchern 2012 in diesem Jahr auf 10.000 hofft. Die Möglichkeiten sind größer dieses Mal, der Etat ist dank Sponsorengeldern von Kulturfonds, Polytechnischer Gesellschaft und Städtischem Kulturamt mit 270.000 Euro eineinhalb mal so groß wie voriges Jahr. Die Anerkennung, die die Lichter von ihren Besuchern seit jeher erfahren, materialisiert sich zunehmend in der Bürgergesellschaft.

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