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Für die freie, unzensierte Rede: die "Marktrufer" auf dem Hanauer Wochenmarkt.
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Für die freie, unzensierte Rede: die "Marktrufer" auf dem Hanauer Wochenmarkt.

Hanau

Marktrufer fordern Bürgerrechte

  • Detlef Sundermann
    VonDetlef Sundermann
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Eine Theateraktion auf dem Hanauer Wochenmarkt über die Meinungsfreiheit gestern und heute.

Der Mann am Blumenstand versteht sein Geschäft. „Die Sträuße sind jetzt reduziert. Wunderschöne Tulpen, zehn Stück vier Euro 50“, ruft er gegen die vorbeiziehenden Wochenmarktbesucher. Gegenüber bauten sich derweil drei in schwarzer und grauer Kleidung steckende Gestalten auf, auch sie haben was zu verkünden, keinen Abverkauf von Waren auf den bald endenden Markt, sondern die Forderung nach dem Beginn einer neuen Epoche - die den Menschen die Freiheit bringt.

Die historisch Gewandten heißen Melanie Linzer, Oliver Kai Müller und Alexander Valerius, allesamt Schauspieler der Büchner-Bühne Riedstadt bei Darmstadt und sie geben sich am Samstagmittag am Fuße des Nationaldenkmals mit dem Brüder-Grimm darauf als Marktrufer. Nicht ohne Auftraggeber. Die Kultur-Region Frankfurt/Rhein-Main startete im Herbst die Reihe „Meinungsfreiheit gestern und heute“. Anlass just an diesem Tag das Trio nach Hanau zu schicken, war nicht allein das Markttreiben.

Fast auf den Tag genau vor 170 Jahren forderte eine „Volkskommission“ in Kassel vom verhassten Fürsten Friedrich Wilhelm in einem Ultimatum die Grund- und Freiheitsrechte ein - erfolgreich zumindest bis zu den Revolutionskriegen 1849. Die Kommission wurde auf den Neustädter Marktplatz aus 24 Bürger gebildet, darunter mit Personen, die manch einer heute nur noch von Hanauer Straßenbezeichnungen her kennt: August Schärttner, Christian Lautenschläger, Pedro Jung, August Rühl und Bürgermeister Bernhard Eberhard.

Die Marktrufer rezitierten einen Ausschnitt aus Martin Luthers Rede auf dem Reichstag zu Worms. Dort verteidigte er 1521 standhaft den Inhalt seiner Schriften vor der Obrigkeit, ehe Melanie Linzer in die Figur der Reichstagsabgeordneten Marie Juchacz das Frauenwahlrecht proklamiert, das 1919 in Kraft trat.

„Das zu schaffen, was zum Glück unseres Volkes notwendig ist“, lautet nicht nur Juchacz Forderung, auch die des französischen Revolutionärs Danton. Die Rigorosität, mit der dies abverlangt, nimmt 1835 Georg Büchner in seinem Drama „Dantons Tod“ auf. Für den Vortrag der siebten Szene aus dem zweiten Akt des Stückes, machen die Marktrufer die Fläche, die die knapp hundert Zuschauer mit einem weiten Halbkreis abgrenzen, zur Bühne. Der Standvortrag wird aufgeben, um die Kraft Büchners Sprache im freiem Agieren noch mehr Wirkung zu geben.

Nach einer knappen halben Stunde, kurz vor dem alles übertönenden Glockenspiel aus dem Uhrturm des Neustädter Rathauses, war das Spektakel mit einem Applaus vorbei. Die Fläche zwischen den eindruckvoll vortragenden Darstellern und dem Publikum füllte sich wieder rasch mit Marktbummeln. Und den Rosen- und Tulpenverkäufer bestimmten wieder das Geschehen. Sie erhoben ihren vorübergehend gedämpften Verkündungston nun wieder auf ihre gewohnte Lautstärke.

Acht Reden und Spielszenen füllen den Auftritt, von der Erklärung der Menschen- und Bürgerrechts aus 1789 bis hin in die Gegenwart mit Robert Gernhardts „Sonett vom Versuch eines amerikanischen Pressesprechers, einem irakischen Kind den Krieg zu erklären“. Alles aktuelle Texte ungeachtet ihres Alters. Etwa Büchner „grausamer Fatalismus der Geschichte“ bewahrheitet sich immer noch.

In Hanau war am Samstag der Auftakt zur diesjährigen Staffel. In Verbindung stand hierbei ebenso der Beginn der Internationalen Wochen gegen Rassismus. Sie verdeutlichen in Veranstaltungen, dass auch heute Menschenwürde nicht selbstverständlich ist und weiterhin eingefordert werden muss.

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