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Carolin Schwarz präsentiert ihre Glasarbeiten im Wiesbadener Rathausfoyer.

Wiesbaden

Ein Markt für Individualisten

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Kunsthandwerker bieten im Rathaus nur Unikate – mit vielen Geschichten.

Sie sind überall. Ameisen. Auf Tellern, Schalen, auf dem Serviertablett. Am Becherrand genau da, wo der Mund gerade zum Schlucken ansetzen will. Die zwei nicht mehr ganz pflückfrischen Birnen auf dem Teller sind schon reichlich angegriffen, es gibt kein Entrinnen. „Die Ameisen sind der Hammer“, sagt eine im Staunen erstarrte Besucherin, die das Gewusel mit offenem Mund und großen Augen betrachtet. Über die Ameisen kommt Johanna Hitzler mit allen ins Gespräch. Unzählige Geschichten ranken sich um das wundersame Leben der kleinen Krabbelviecher.

Porzellan ist für Johanna Hitzler aus Dillingen an der Donau der Stoff, mit dem sie und ihre Ameisen Liebhaber von Kunsthandwerk mit besonderer Note zum Geschichtenerzählen bringen. Mit feinem Gespür für deren Wirkung hat sie die emsigen Arbeiter inszeniert, man muss sofort wieder hingucken und sich vergewissern, dass es nur ein Spiel mit den Gefühlen des Betrachters ist. Design eben, für Einzelstücke.

Von einer Schwäbin aus dem Grenzgebiet zu Bayern. Die Ameisenteller kauft keiner im Zwölferpack, aber als Solist passen sie auf jeden gedeckten Tisch, wenn mal ein Teller kaputtgegangen ist. Und der Gesprächsstoff als Basis für neue Geschichten geht bestimmt nie aus.

Das Wiesbadener Rathaus-Foyer am Schlossplatz bietet die Bühne für das Kunsthandwerk individueller Art. Längst ist der Markt mehr als ein Geheimtipp unter jenen, die nach dem Einkauf von Schmuck und Bekleidung, Keramik und anderen Gebrauchsgegenständen nicht schon vor der Türe einem „Doppelgänger“ begegnen wollen.

Wer hier einkauft, verlässt den vorweihnachtlichen Markt als Individualist. Unikate zu schaffen, gilt den über die Jahre wechselnden Protagonisten der Traditionsveranstaltung als wichtiger Wert. Handgefertigt in eigener Produktion ist hier alles, auch die Tupian Chalumeaus von Petra und Res Neuenschwander aus Bad Camberg. Die Ur-Klarinetten mit Flötengriffweise haben einen sanften und weichen Klang, nicht einmal die Ameisen der Kollegin Hitzler am Nachbarstand lassen sich vom Vorspiel des Erbauers aus der Ruhe bringen.

Christine Duncombe-Thüring hat ein Heimspiel beim Kunsthandwerkermarkt. Die Wiesbadener Keramik-Künstlerin nutzt ihn, sich und ihre Arbeiten einer größeren Öffentlichkeit zu präsentieren. Was sie da so macht? „Malen auf Ton“ etwa, „mit keramischen Mitteln“. Auch „Batiken auf Ton“ durch die verschiedenen Schichten von Ton, Porzellan und Wachs mit aufwendiger Technik. Ihr Studio in der Goebenstraße dient ihr zur steten „Entwicklung, zum Spielen mit den Mitteln und dem Material“.

Visionäres Design

Wunderbarste Vasen sind dabei entstanden, jeder Trinkbecher mit kleinem Gemälde ein Einzelstück, Teekannen in visionärem Design, kraftvoll und zart zugleich, von einmaliger Schönheit. Tauglich für Tee-Zeremonien ganz besonderer Art. „Wichtig ist die Vernetzung bei dieser Veranstaltung, das finde ich wichtig“, sagt Christine Duncombe-Thüring. „Wir sind kein Verein, keine Künstlergruppe, die Gäste kommen im Wechsel“. Und befruchten sich gegenseitig mit immer neuen Ideen in der jeweiligen Branche.

Es kann sogar vorkommen, dass plötzlich zwei gestrandete Engel vorbeihuschen, die keiner erwartet hat. Die „so lange über den Sternschnuppenmarkt geengelt“ sind, wie es Engel 1 Isabella Rosier nennt, bis ihnen kalt wurde und sie eine Pause bei den Künstlern für richtig befanden.

Engel 2 Alina Rohrmann nickt, wärmt sich die Hände an der Heizung im Gang, die Flügel abgelegt, aber den Heiligenschein noch über dem lockigen Haar. Gleich werden sie weiterziehen, im Auftrag der Jung-Lions weiter um Spenden für Kinder- und Jugendprojekte in der Stadt werben.

Niemand stören Ameisen auf Tellern, so lange Engel in der Nähe sind. Und Diplom-Designerin Johanna Hitzler all den Geschichten zuhört, die unter diversen Tischen hervorgekramt werden. Sie hat auch sehr schöne halbe Christbaumkugeln im Angebot, aber so kennt man die sparsamen Schwaben ja. Eigentlich hat bei dieser Werkschau mit Verkauf jedes Exponat und sein Meister oder seine Meisterin eine Geschichte zu erzählen. Und jede klingt anders und ganz besonders.

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