Stößt mit der Rehabilitierung des Holocaust-Leugners Richard Williamson auf Unverständnis: Papst Benedikt XVI.
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Stößt mit der Rehabilitierung des Holocaust-Leugners Richard Williamson auf Unverständnis: Papst Benedikt XVI.

Papst-Skandal

Römischer Fehlgriff

Die Entscheidung Benedikt XVI. zur Pius-Bruderschaft sorgt an der katholischen Basis für große Verunsicherung: "So wollen wir unsere Kirche nicht." Von M. Müller-Bialon & T. Witzel

Von MARTIN MÜLLER-BIALON UND THOMAS WITZEL

Was hat denn unser Papst da gemacht?" Es sind treue und zumeist ältere Gemeindemitglieder, mit denen Werner Portugall, Pfarrer der katholischen Gemeinde Mutter vom Guten Rat in Niederrad, dieser Tage ins Gespräch kommt. "Sie sind erschrocken und entsetzt", fasst Portugall seine Eindrücke zusammen. "Und sie sagen: ,So wollen wir unsere Kirche nicht.'"

Es herrscht Unruhe an der Kirchenbasis. Viele Katholiken verstünden nicht, wie der Papst einen Holocaust-Leugner zurück in den Schoß der Kirche holen konnte. "Sie sorgen sich, dass es einen Rechtsruck geben könnte", sagt Pfarrer Portugall.

Der Limburger Bischof Franz-Peter Tebartz-van Elst hat sich nach anfänglichem Zögern nun zu Wort gemeldet und greift die Stimmung in den Gemeinden auf. Er betrachte "die Verunsicherung, die die jüngsten Entwicklungen unter den katholischen Gläubigen ausgelöst haben", mit Sorge, ließ er am Dienstag mitteilen.

Tebartz-van Elst fokussiert auf Details

Befürchtungen, der Papst wolle die Kirche auf einen Rückwärtskurs lenken, seien jedoch "nicht zutreffend und unbegründet". Zudem wies Tebartz-van Elst darauf hin, dass die Exkommunion der vier Bischöfe der Pius-Bruderschaft zwar aufgehoben worden sei, als Bischöfe seien sie jedoch weiter suspendiert. Direkte Kritik an Papst Benedikt XVI. vermied der Bischof. Christen und Juden forderte der Bischof auf, "miteinander im Gespräch zu bleiben statt übereinander zu reden".

Tebartz-van Elst reagierte auch deshalb, weil sich im Bistum Limburg eine Pius-Bruderschaft formiert hat. In Hattersheim hatte sich in den 80er Jahren eine Gruppe von Christen von der Pfarrgemeinde abgespalten und der erzreaktionären Priesterbruderschaft St. Pius X. um den exkommunizierten Erzbischof Marcel Lefebvre angeschlossen. Die Gruppe versorgt das Rhein-Main-Gebiet und trifft sich dort in einer eigenen Kirche, der Kapelle St. Athanasius.

Unter den katholischen Funktionären hat das Papst-Dekret hektische Betriebsamkeit ausgelöst. Dort befürchtet man Störungen im Dialog mit der jüdischen Gemeinde. Joachim Valentin, Leiter des Kultur- und Bildungszentrums "Haus am Dom", schrieb einen Brief an die jüdischen Kooperationspartner des Hauses. Darin nennt er das Verhalten des Vatikans einen "römischen Fehlgriff". Viele Katholiken seien "erschüttert und erzürnt über die Ereignisse", dies sei eine "für uns mehr als unangenehme Situation". Die Leugnung der Shoah durch den Pius-Bruder Williamson sei "unerträglich", schreibt Valentin weiter. Für die Akademie-Arbeit und den Dialog zwischen Katholiken und Juden insgesamt werde sich aber nichts ändern.

Fuldas Bischof schweigt

Der Fuldaer Bischof Heinz Josef Algermissen gibt zum Thema keine Interviews und macht auch keine aktuellen Aussagen. Bistums-Sprecher Christof Ohnesorge weist auf eine Stellungnahme von Algermissen hin, die die Position des Bistums verdeutliche. Der Fuldaer Oberhirte hatte, nachdem er vom Grünen-Politiker Volker Beck wegen wegen seiner dezidierten Absage an homosexuelle Eheschließungen in einem Atemzug mit Williamson genannt worden war, reagiert. Er verwahre sich gegen jeden Versuch, seine Aussagen in die Nähe der Äußerungen Williamsons zu bringen. Für Antisemitismus sei in der katholischen Kirche absolut kein Raum.

Unterdessen reagiert auch die Basis im Bistum Fulda. "Die Entscheidung in Rom erfüllt mich mit großer Sorge", sagte der Vorsitzende des Katholikenrates, Richard Pfeifer. Kirche müsse so wahrgenommen werden, wie sie sich in den Gemeinden präsentiere: menschennah in einer pluralen Gesellschaft.

Gemeindepfarrer Portugall wünscht sich indessen, dass der Papst sich von den Pius-Brüdern "klar distanziert und sich die Jungs mal vorknöpft". Er hätte auch nichts dagegen, "wenn der Heilige Vater mal zugibt, einen Fehler gemacht zu haben". Immerhin: Von Kirchenaustritten sei ihm bislang nichts bekannt.

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