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Bildungsexperte Jörg Feuchthofen.

Interview

„Man redet heute aneinander vorbei“

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Bildungsexperte Jörg Feuchthofen spricht über hessische Grabenkämpfe in der Schulpolitik und Niederlagen sowie Erfolge eines Lobbyisten.

Von 2001 bis Ende März 2020 war Jörg Feuchthofen (65) Geschäftsführer für Bildung, Wissenschaft und Gesellschaft bei der Vereinigung der hessischen Unternehmerverbände (VhU). Nach Stationen an der Universität Münster, im Bundesbildungsministerium und beim Deutschen Industrie- und Handelskammertag (DIHK) kam der gelernte Jurist in einer Zeit nach Hessen, die durch große Veränderungen im Schulwesen infolge des bundesweiten PISA-Schocks geprägt war. Er begleitete diese Reformen mit zahlreichen fachlichen Konzepten aus Sicht der Wirtschaft, von der Reform der frühkindlichen Bildung bis zur Lehreraus- und -weiterbildung. Feuchthofen ist verheiratet und hat zwei Kinder im Studierendenalter. Er ist leidenschaftlicher Segler und Mountainbikefahrer.

Herr Feuchthofen, wie viele hessische Kultusminister haben Sie erlebt?
Fünf. Es begann mit Karin Wolff mit den vielen Pisa-Baustellen, dann war da kurz Minister Jürgen Banzer, es folgten Dorothea Henzler, dann Nicola Beer und jetzt immerhin schon seit längerer Zeit Alexander Lorz.

Sie kamen nach Hessen mit welchem Gefühl? Hessen war ja verschrien als das Land der Grabenkämpfe, in dem traditionell sehr stark gerade um den richtigen Weg in der Bildung gestritten wurde.
Meine Skepsis war relativ groß. Unter der SPD-Regierung von Hans Eichel hatte es Einschnitte in den Bildungsetat gegeben, und ich war nicht sicher, ob es unter der neuen damals schwarz-gelben Regierung mehr Mittel geben würde. Was mir aber unabdingbar schien.

Die Frankfurter Rundschau richtet seit 15 Jahren gemeinsam mit der VhU und dem Bildungswerk der Hessischen Wirtschaft den Wettbewerb „Präsentieren & Gewinnen“ für Oberstufenkurse im Fach Politik und Wirtschaft aus. Feuchthofen ist der Initiator dieses Wettbewerbs. Mehr dazu unter www.fr.de/schuelerforen. pgh

Hat sich seit Ihrem Ankommen vor knapp 20 Jahren etwas grundlegend verändert?
2001 begann durch den Pisa-Schock ein grundlegendes Umdenken hin zu wissenschaftsgestützter Bildungspolitik. Statt ideologisch geprägter Glaubenssätze gab es jetzt die Suche nach empirischen Daten, um das ganze System Schule zu verbessern. Die Bedeutung der frühkindlichen Bildung wurde entdeckt, Schulen sollten selbstständiger werden, der Unterricht individualisierter.

Sind die Auseinandersetzungen nüchterner geworden?
Hessen war tatsächlich sehr ideologisiert. Für die einen gab es nur die integrierte Gesamtschule, das gemeinsame Lernen aller möglichst über die gesamte Schulzeit hinweg, für die anderen war die Differenzierung nach Schulformen heilig. Pisa hat das aufgebrochen. Dieser Streit wird nicht mehr in der Schärfe geführt, auch wenn er hin und wieder aufflammt. Allerdings ist das Pendel auch wieder etwas zurückgeschwungen.

Was meinen Sie damit?
Beispielsweise hat man es wieder aufgegeben, die Schulen extern zu evaluieren, wie es nach Pisa eingeführt worden war. Was ich sehr bedauere. Dafür ist aber immerhin erstmals ein System der Personalentwicklung im Aufbau.

Wie erleben Sie die aktuellen Debatten?
Man redet aneinander vorbei, es ist wie zwei verschiedene Welten. Die Regierung spricht von einem Budget, das so groß ist wie noch nie, von einer nie dagewesenen Zahl an Lehrerstellen und der besten Unterrichtsversorgung. Die Opposition und die Lehrergewerkschaften sagen, die Situation in den Schulen sei so schwierig wie nie, die Aufgaben seien kaum zu bewältigen und die Lehrkräfte überlastet.

Wer hat recht?
Es gibt dazu kein Schwarz oder Weiß. Die Herausforderungen und Bedingungen für die Schulen vor Ort sind so unterschiedlich wie noch nie. Für beide Behauptungen gibt es Beispiele. Das ist im Ergebnis nicht einfach für die Schulpolitik, zumal angesichts neuer und zusätzlicher Ansprüche wie Inklusion, Integration, Digitalisierung und die Stärkung von Deutsch als Grundsprache.

Sie sind als Lobbyist nach Hessen gekommen. Darf man da über seine Erfolge sprechen?
Wenn man wie ich jetzt frisch pensioniert ist schon. Lassen Sie mich mit einem Misserfolg beginnen. Das war die Abschaffung der auch in Hessen eingeführten Studiengebühren, für die wir als Wirtschaft jahrzehntelang gekämpft hatten. Wir haben das als klaren Verlust für das Studium und die Lehre gesehen. Da hatten auch wir als Lobbyisten verloren. Ein schöner Erfolg war die Einführung der „Selbstständigen Schule“. Die Konzepte dafür wurden in großen Teilen hier in der VhU geschrieben, und ich war sicher einer jener, die das mit vorangetrieben haben. Gerne zähle ich zu den Erfolgen auch den langjährigen gemeinsamen Schülerwettbewerb mit Ihrer Zeitung „Präsentieren & Gewinnen“ für die Oberstufenkurse in Politik und Wirtschaft.

Die Kritik am Einfluss der Wirtschaft auf die Schule ist ein Dauerthema in Hessen.
Ich denke, bei den Berufsschulen haben die Wirtschaftsverbände und Unternehmen durchaus ein Recht mitzureden. Bei den allgemeinbildenden Schulen sind wir nur ein Partner von außen, der zwar auch etwas fordern darf, aber gestalten muss die Politik. Zudem sollte jemand, der kritisiert, auch Vorschläge oder eben Konzepte anbieten, wie Verbesserungen umzusetzen wären. Und mit dem Netzwerk Schule-Wirtschaft machen wir ja auch viele Angebote für die Praxis.

Während Ihrer Zeit in Hessen sind die Grünen in die Regierung gekommen. Was hat das in der Bildungspolitik verändert?
Die Grünen sind ideologiefrei in die Bildungsverantwortung gegangen. Das hat den Sachbezug gestärkt und für Bewegung auch bei der CDU gesorgt. Einmal hätten mich die Grünen übrigens fast meinen Job gekostet. Es ging um die frühkindliche Bildung, wir hatten ein ausführliches Konzept dazu entwickelt, wie es in Hessen keines gab, und ich habe dann in der Regierungspolitik ohne Erfolg Verbündete gesucht. Dafür aber in einer Partei, die das Thema genauso sah, und das waren eben die Grünen. Mit der damaligen bildungspolitischen Sprecherin Priska Hinz habe ich ein gemeinsames Papier entwickelt und in der Landespressekonferenz vorgestellt. Das hat mich fast meinen Kopf gekostet. Ich hatte als zugewanderter Hesse völlig unterschätzt, wie angespannt hier und damals das Verhältnis der hessischen Wirtschaft zu den Grünen noch war.

Sie haben die Reihe VhU-Bildungsforum initiiert, 40 Veranstaltungen gab es über die Jahre. Die 41., die letzte, die Sie noch als Gastgeber hatten ausrichten wollen, fiel Corona zum Opfer. Als Gast war Kultusminister Lorz vorgesehen. Was hätten Sie ihm gesagt?
Verbessern Sie den Bildungsföderalismus! Nach dem Streit um den Digitalpakt im vergangenen Jahr hätte ich gerne gewusst, welche Lehren alle Kultusminister daraus ziehen. Ich denke, der Bund sollte Leitlinien vorgeben können, aber die konkrete Ausgestaltung sollte in den Ländern bleiben. Das Forum soll im Herbst nachgeholt werden. Ich werde gerne unter den Gästen sein.

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