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Zentrale Figur der Kirche Shinchonji ist der 1931 geborene Koreaner Lee Man-hee, der 1967 zur Glaubensgruppe „Tempel der Hütte des Zeugnisses“ stieß.

Shinchonji-Kirche

Angehörige von Shinchonji-Mitgliedern sind verzweifelt

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Angehörige von Mitgliedern der Shinchonji-Sekte tauschen sich aus und unterstützen sich gegenseitig.

Die Belastung war irgendwann so groß, dass mein Sohn zusammenbrach. Jetzt verwahrlost er. Ich glaube, er ist hoffnungslos verloren“, sagt eine Mutter, deren Kind sein Leben Shinchonji verschrieben hat. Sie kommt kaum noch an ihn ran. „Geben Sie die Hoffnung nicht auf“, macht ihr ihre Sitznachbarin Mut. Eine andere rät später, „immer die Tür offenzuhalten“.

Es sind Aussteiger und Angehörige von Mitgliedern der Bewegung, die sich kürzlich im Rhein-Main-Gebiet getroffen haben, um sich Halt und Hinweise zu geben. Die Angaben in diesem Text sind allgemein gehalten, damit die Personen anonym bleiben. Sie haben viel gemeinsam, etwa dass sie erst nicht ahnten, wer hinter den Unterorganisationen steckt. „Die Brisanz habe ich erst kürzlich erkannt – auch weil mein Sohn abstritt, dass es eine Sekte ist. Früher hat er nie gelogen“, erzählt eine Angehörige.

Eine junge Frau wurde in einem Einkaufszentrum angesprochen. Die Werberin behauptete, sie müsse einen Bibelvortrag halten und brauche jemanden, vor dem sie es üben könne. Später sei sie aus Neugier und weil ihr die Missionarin sympathisch war, zum Kurs gegangen. Zu Beginn sei alles noch locker gewesen; sie habe die Zuwendung und den internationalen Charakter geschätzt, sei geradezu euphorisiert gewesen. Doch dann wurde der Druck stetig erhöht, ein schlechtes Gewissen erzeugt. Aussagen wie „Es geht um Leben und Tod“ fielen. Die Aussteigerin und andere Insider berichten, teils gravierende gesundheitliche Probleme würden als Entschuldigung für Abwesenheit nicht akzeptiert, obwohl Ärzte unter den Führungsfiguren seien. Man müsse im Prinzip Tag und Nacht für die Bewegung zur Verfügung stehen, werde fast versklavt. Viele Bibelstellen sind wortwörtlich auswendig zu lernen, umfangreiche Hausaufgaben zu erledigen. Man müsse früh missionieren.

Sie schildern, wie offenbar mehrere Missionare auf Neulinge angesetzt werden und in den Kursen teilweise so tun, als wären sie selbst neu. „Sie haben schauspielerisches Talent, lügen und betrügen“, sagt eine Kennerin der Bibelgruppen.

Anhänger, gerade die neuen, würden durch andere Mitglieder beschattet, ausgehorcht und kontrolliert, auch mit Hilfe von „Telefon- und Whatsapp-Terror“ und in WGs, wo auf engstem Raum nebeneinander geschlafen werde. Ein Austausch zwischen kritischen Kursteilnehmern sei unterbunden worden. „Abtrünnige“ und Kritiker sollten unter anderem durch Klingeln an der Haustür eingeschüchtert werden. Kurz vor und nach dem Ausstieg werde man mit Anrufen „bombardiert“, danach in der Regel bald in Ruhe gelassen.

Am schmerzhaftesten ist für die Eltern, dass sie so gut wie gar keinen Kontakt mehr zu ihren Kindern haben. Die Kluft zwischen Anhängern und reflektierten Angehörigen zu erhöhen, ist ein Teil der Strategie, wie auch aus Unterlagen hervorgeht. Kritisch zu argumentieren sei schwierig. In der Gruppe werde einem eingetrichtert, es sei ein „Qualitätsmerkmal“, als Sekte bezeichnet zu werden, schließlich sei auch Jesus verfolgt worden. Die Freunde und Verwandten sind sich darin einig, dass harte Konfrontation sinnlos ist. Und dass sie von finanzieller Hilfe absehen sollten: „Damit finanzieren wir nur Shinchonji. Bei meinem Kind war ein hoher Eurobetrag schnell weg.“

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