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Zwei Stunden Leben

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Cleide Bihr und Kurt Kluge auf dem Weg ins Leben.
Cleide Bihr und Kurt Kluge auf dem Weg ins Leben. © Rolf Oeser

Mittelfristig soll eine zweite Kraft eingestellt werden: Die Brasilianerin Cleide Bihr holt Patienten der ökumenischen Diakoniestation in Schwalbach und Eschborn für ein paar Stunden in der Woche aus der Isolation.

Von Gesa Fritz

Kurt Kluges größter Feind ist die Zeit. Er quält sich durch nicht enden wollende Tage. Hangelt sich mühsam von Minute zu Minute. Kluge ist 89 Jahre alt und einsam.

Vor zwei Jahren hat ihn das Alter erwischt und an die Wohnung gekettet. „Ich bin nicht krank, sondern nur kolossal schwach“, sagt Kluge. Eine Narbe, links auf der Stirn, erzählt von einem seiner häufigen Stürze. Die Treppe aus dem zweiten Stock in der Schwalbacher Wohnung wagt er sich allein nicht mehr hinunter. Aber die Barrieren, die ihn von der Welt da draußen trennen, beginnen viel früher. Schon die Schuhe zu binden ist für ihn ein schier nicht zu bewältigender Kraftakt.

Die Einsamkeit auf dem Sofa

So sitzt er da den ganzen Tag auf seinem Sofa. In den Schränken und auf dem Couchtisch stapeln sich Bücher, Zeugen seiner großen Leidenschaft, dem Lesen. Aber die Buchstaben sind inzwischen zu klein für seine Augen, die Bücher zu schwer für seine Hände. „Das fehlt mir sehr“, sagt er. Und erzählt von seiner anderen Leidenschaft, dem Reisen. Auf den Galapagos Inseln war er. In Japan, Israel, Norwegen, Amerika. Immer wieder beschwört er die Namen der Länder herauf.

Seine einzige Verwandte, eine Schwester, lebt in einem Seniorenheim in Bielefeld. Es gibt einen netten Nachbarn, der gelegentlich mal vorbeischaut. Eingerahmt wird die Einsamkeit auf dem Sofa morgens und abends vom Besuch einer Pflegerin. Im zugeteilten Minutentakt duscht sie ihn, gibt Spritzen.

Lichtblicke in Kluges Leben sind die Besuche der Brasilianerin Cleide Bihr. Zweimal pro Woche kommt die 28-jährige für rund zwei Stunden zu dem Rentner. Bezahlt wird sie vom Förderverein der ökumenischen Diakoniestation in Schwalbach und Eschborn. Ihre einzige Aufgabe ist es, den Patienten der Diakoniestation Zeit und Lebensqualität zu schenken.

Kluge begrüßt Bihr mit einer Umarmung und etwas Schokolade. Zwischen zwei Büchern auf seinem Couchtisch zieht er Bilder von Bihr hervor. Einen Kaffee bekommt sie heute nicht. Die beiden wollen raus, spazieren gehen und dann zum Friseur. Mit neuem Schnitt werden die beiden diese Woche noch Kluges Geburtstag in einem Restaurant feiern.

Wenn es irgend geht, versucht Bihr jene rund 70 Patienten der Diakonie, die sie seit einem Jahr besucht, aus ihren Wohnungen zu bringen. Bei einem Rollstuhlfahrer, der ohne Aufzug im obersten Stock wohnt, geht das nicht. „Viele haben Depressionen, leben einsam in ihrer Welt“, sagt sie.

Eine zweite Stelle ist geplant

Bihr ist ein herzlicher Mensch. Sie lacht viel und gerne. Und an ihrer Seite strahlt Kluge. „Sie ist sehr besorgt um mich“, sagt er. Und sie hört ihm zu. Bihr kennt viele Lebensgeschichten. „Mir werden viele schlimme Sachen erzählt“, sagt sie.

Es sind vier Stunden in Kluges Woche, die Bihr mit Leben füllt. „Viel zu wenig“, sagt Kluge. Und doch ist der Rentner privilegiert. Bihr kann bei weitem nicht alle einsamen Senioren in Eschborn und Schwalbach besuchen. Der Förderverein hat jüngst extra seine Satzung geändert, damit die Seelsorgerin nicht nur Patienten der Diakonie, sondern auch andere Gemeindemitglieder besuchen darf. Und mittelfristig soll eine zweite Kraft eingestellt werden.

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