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"Wie im Krieg, nur ohne Bomben"

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Von: Andrea Rost

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"Es steht fest, wir ziehen aus Flörsheim weg."
"Es steht fest, wir ziehen aus Flörsheim weg." © dapd

Seit Eröffnung der neuen Landebahn liegt bei Ostwind halb Flörsheim unter einem Lärmteppich. Mit mehr als 80 Dezibel donnern die Flieger über die Häuser hinweg - bis zu 300 Mal. Täglich.

Josef Auth ist fassungslos. „Hier kann man nicht mehr leben“, sagt der Flörsheimer. Seit Freitagnachmittag dröhnen die Flugzeuge über das Dach seines Hauses in der Lahnstraße. Im Zwei-Minuten-Takt kommen die Maschinen von Westen, etwa 270 Meter sind sie tief, wenn sie das Neubaugebiet überfliegen, um wenige Kilometer weiter östlich auf der neuen Landebahn im Kelsterbacher Wald aufzusetzen. „Das ist hier wie im Krieg“, sagt Josef Auth. „Nur dass keine Bomben fallen.“

Schon lange bevor die Flieger zu sehen sind, ist ein dumpfes Grollen in den Straßen zu hören. Es wird zum ohrenbetäubenden Getöse, wenn das Flugzeug mit pfeifenden Landeklappen und ausgefahrenem Fahrwerk über die Häuser hinwegdonnert. Die Messstelle des Deutschen Fluglärmdienstes, die auf einem Dach in der Weilbacher Straße montiert ist, misst seit Eröffnung der neuen Landebahn fast konstant Überflüge mit deutlich mehr als 80 Dezibel – von morgens fünf Uhr bis tief in die Nacht. So niedrig und so dich hintereinander wird kein anderes Wohngebiet in der Region überflogen.

50 Prozent der Landungen auf dem Frankfurter Flughafen würden über die neue Landebahn abgewickelt, sagte Flughafensprecher Wolfgang Schwalm der FR. Bei Ostwind donnern dann jeden Tag mehr als 300 Flugzeuge über die Stadt.

„Hier in Flörsheim gibt’s einen Volksaufstand“, sagt Hans-Jakob Gall, der Vorsitzende des Solidaritätsvereins für Flörsheim, der seit Jahren gegen den Flughafenausbau kämpft. „Dass es so unerträglich laut wird, damit hat keiner gerechnet.“ Besonders problematisch ist laut Gall die Streuung der Flugrouten.

Anders als von Fraport angekündigt, querten die Flieger die Stadt nicht auf einem schmalen Landestrahl, sondern in einem breiten Korridor mit deutlichen Abweichungen von der in den Karten eingezeichneten Linie. Fast das gesamte Neubaugebiet liege jetzt bei Ostwind unter einem Lärmteppich. „Am Freitagmittag haben wir noch gesagt, hier kriegt uns keiner weg“, sagt Hildegund Klockner. „Seit Sonntag steht fest, dass wir aus Flörsheim wegziehen.“ Der Lärm sei unerträglich. Das Haus, in das sie erst 1998 eingezogen sind, können die Klockners der Fraport zum Kauf anbieten. Es liegt in der so genannten Kernzone des Casa-Programms. Der Flughafenbetreiber hat zugesagt, es zu kaufen. Ein Fraport-Mitarbeiter habe ihr unlängst sogar indirekt dazu geraten, sagt Hildegund Klockner.

Josef Auth dagegen hat schlechte Karten. Sein Grundstück liegt zwar nur wenige Meter entfernt auf der anderen Straßenseite, es fällt aber nicht mehr in den von Fraport errechneten Lärmkorridor. Er bekommt nur Schallschutzfenster. Und das, obwohl er einen schlagkräftigen Beweis hat, dass die Flugzeuge über sein Haus fliegen. Eine schmutzig graue schmierige Flüssigkeit regnete am Montag aus dem Himmel auf Dach und Auto. Worum es sich dabei handelte, sei noch nicht geklärt, sagte Fraport-Sprecher Schwalm der FR. „Die Flüssigkeit wird gerade im Labor untersucht.“

Gut zu tun haben seit Anfang der Woche die Flörsheimer Rathausmitarbeiter. Viele Bürger seien seit Eröffnung der neuen Landebahn im Stadtplanungsamt vorstellig geworden, um Bauunterlagen für ihre Häuser und Wohnungen abzuholen, so Bürgermeister Michael Antenbrink (SPD).

Sie müssen den Antragsunterlagen für Lärmschutzfenster beigefügt werden. Ohne Lärmschutz sei es im Norden der Stadt nicht auszuhalten. Auch städtische Einrichtungen seien betroffen – zwei Kindergärten, die Feuerwehr und die Polizeistation. „Auch als Stadt werden wir Anträge stellen, um Schallschutzfenster zu bekommen“, sagt Antenbrink.

„Unsere schlimmsten Erwartungen sind übertroffen“ – so kommentierte Landrat Michael Cyriax (CDU) die Lärmhölle über Flörsheim. Er will darauf drängen, dass die zugesagten Routen und Korridore eingehalten werden, fordert von Land und Fraport außerdem großzügigere Ausgleichszahlungen, weil offenbar weit mehr Menschen vom Fluglärm betroffen seien als bisher angenommen. Der Kreis ist auch als Schulträger betroffen. Die Paul-Maar-Grundschule liegt in der Einflugschneise. Heute kommt dort die Schulkonferenz zusammen, um weitere Schritte zu beraten.

Für massive Proteste und Aktionengegen die Folgen der Nordwestlandebahn hat sich die Grüne Alternative Liste Flörsheim (Galf) ausgesprochen. Politisch Verantwortliche, Fraport und Luftfahrtindustrie müsste deutlich gemacht werden, dass Flörsheim die aktuelle Situation nicht klaglos hinnehmen werde. „Der Fluglärm macht die Stadt unbewohnbar“, sagt der stellvertretende Galf-Fraktionsvorsitzende Sven Hess, dessen Haus in der neuen Einflugschneise steht. An einem Nachtflugverbot zwischen 22 und 6 Uhr führe kein Weg vorbei.

Wenn am Freitag, 4. November, das Fraport-Infomobil in Flörsheim Station macht, werden die Mitarbeiter des Flughafenbetreibers viel zu tun bekommen. „Wir rufen die Bürger auf, sich dort zu artikulieren“, sagt Hans-Jakob Gall. Eine Delegation der Stadt wird am kommenden Dienstag, 1. November, außerdem zur Sondersitzung des Landtags nach Wiesbaden fahren. Auf der Tagesordnung steht eine Debatte über das Nachflugverbot.

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