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Wenn Kinder verwahrlosen

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Annette Maibach hilft Erzieherinnen, die Anzeichen für Vernachlässigungen und Misshandlungen von Kindern zu erkennen.

Von BARBARA HELFRICH

Ein Kind hat häufig blaue Flecken und Verletzungen, ist im Winter zu dünn angezogen oder wirkt unterernährt - "Anhaltspunkte für eine Kindeswohlgefährdung" heißen diese und andere Auffälligkeiten in der Amtssprache. Wenn Erzieherinnen sie beobachten, können sie seit letztem Sommer die Kreismitarbeiterin Annette Maibach anrufen. Sie arbeitet in der Schwalbacher Erziehungsberatungsstelle und hilft den Kindertagesstätten, "das Gefährdungsrisiko abzuschätzen". Dass Betreuungseinrichtungen dabei eine "erfahrene Fachkraft" wie Annette Maibach hinzuziehen, ist neuerdings gesetzlich vorgeschrieben.

Bei rund 30 Kindern kreisweit hatten im vergangenen halben Jahr Betreuerinnen Sorge, dass im Elternhaus etwas nicht stimmen könnte. Kinder, die nur "unregelmäßig gebracht werden" stehen dabei an erster Stelle, berichtet Maibach. "Das kann ein Hinweis sein", sagt die Sozialarbeiterin. Zumal, wenn weitere Probleme hinzukommen, etwa die Eltern das Kind betrunken abholen. Maibach rät meist zum Gespräch mit den Erziehungsberechtigten. Dabei sei Fingerspitzengefühl gefragt. Es gibt keine Kindergartenpflicht. Wenn Eltern sich bevormundet oder kontrolliert fühlen, können sie ihr Kind abmelden. "Dann sind sie weg."

Viele Eltern seien aber für eine Kooperation mit der Kindertagesstätte aufgeschlossen. Aufgabe der Erzieherinnen ist es, sie über Hilfsangebote aufzuklären und das Jugendamt zu informieren, wenn dies nicht ausreicht. Bei akuter Gefahr für das Kind - etwa dem Verdacht des sexuellen Missbrauchs - müssen sie das Amt sofort einschalten.

"Je jünger ein Kind ist, desto höher ist das Gefährdungsrisiko einzuschätzen", heißt es in der neuen Vereinbarung zum Kinderschutz zwischen Kreis und Tagesstätten-Trägern. Körper von Kleinkindern seien besonders empfindlich, erläutert Annette Maibach. Zudem können sie nicht erzählen, was ihnen fehlt. Mangelnde Hygiene sei ein Thema, zu dem Krippen-Erzieherinnen häufig Rat suchten, sagt sie: "Manchmal werden Babys in der schmutzigen Windel vom Vortag gebracht." Auch "Kotreste auf der Haut" zählen zu den Anhaltspunkten für eine Kindeswohlgefährdung.

130 Frauen geschult

Um Erzieherinnen für das Thema Vernachlässigung und Misshandlung zu sensibilisieren, hat der Kreis in den letzten beiden Jahren fünf zweitägige Fortbildungen angeboten. 130 Frauen haben sie besucht. Im März sollen Schulsozialarbeiter und der kommunale Jugendpfleger geschult werden. Ende April wird die Rechtsmedizinerin Bianca Navarro im Kreishaus erklären, wie sich Alltagsverletzungen und Spuren von Gewalt unterscheiden lassen. Diese Fachtagung richtet sich ebenfalls an Menschen, die mit Kindern arbeiten.

Zudem plant der Kreis ein "Elterntraining" für überforderte Mütter und Väter. Denn immer häufiger erfährt das Jugendamt von Fällen, in denen Kinder in ihrem Zuhause gefährdet sind. 184 Hinweise waren es 2008, 163 davon haben sich bestätigt. 2007 wurde das Jugendamt 140 Mal über Missstände informiert. In 131 Fällen teilte es die Einschätzung von Nachbarn, Erzieherinnen oder Bekannten. Die Zahlen zeigen nach Ansicht von Gert Nötzel, im Kreishaus Leiter des Sozialen Dienstes, jedoch nicht, dass es immer mehr Kindern schlecht geht. Wohl eher, dass immer weniger Menschen wegsehen, wenn Kinder leiden.

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