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Verletzte und Betrunkene

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Im  Krankenhaus  sind Silvester und Neujahr ganz normale Arbeitstage.
Im Krankenhaus sind Silvester und Neujahr ganz normale Arbeitstage. © Rolf Oeser

Von Party-Laune keine Spur. FR-Mitarbeiter Bastian Beege hat Silvester im Bad Sodener Krankenhaus verbracht. Immerhin: Auf der Entbindungsstation ist die Stimmung gut.

Von Bastian Beege

Was wäre der Jahreswechsel bloß ohne seine Rituale? Die zwanghaft lustige Party, das obligatorische Raclette, sinnloses Bleigießen – und wenn dann auch noch Butler James in bester „Dinner for One“-Manier über das Tigerfell stolpert, ist das Silvesterglück perfekt. „Same procedure as every year, James“, kommentiert Miss Sophie in regelmäßigen Abständen. Oh, wie recht sie doch augenscheinlich hat.

Tatsächlich? In Zimmer 3 auf Station 31 des Bad Sodener Krankenhaus bestätigt sich, dass auch die englische Lady trotz ihrer 90 Jahre an Lebenserfahrung fehlbar ist: Von Partystimmung keine Spur, auf den Duft nach geschmolzenem Käse wartet man vergeblich – im Gegenteil: Das Abendessen, bestehend aus zwei trockenen Brotscheiben und ein bisschen Wurst, ist der Verabschiedung des alten Jahres schlichtweg unwürdig. Und sogar das Fernsehbild bleibt schwarz: Der sturzbetrunkene James regt hier keinerlei Lachmuskeln an.

„Hätten Sie sich keinen netteren Silvesterabend gewünscht?“ Der Blick von Barbara und Dirk Adé verrät unverhohlen, dass diese Frage an Dämlichkeit kaum zu überbieten sein dürfte. „Das ist der schönste Jahreswechsel, den wir uns vorstellen können“, antworten beide unisono. Der Grund hierfür heißt Noémie, ist gerade einmal drei Tage alt und so süß, dass man die Augen gar nicht mehr abwenden möchte.

„Auf die Silvester-Party verzichten wir gerne“, betont die 31-jährige Barbara, während sie ihr erstes Kind liebevoll im Arm wiegt. „Auf der Entbindungsstation ist die Stimmung auch an einem Tag wie heute keineswegs bedrückt“, berichtet Stationsschwester Ute Swoboda. „Die Geburt eines Kindes wiegt alles andere auf.“

Doch wie der Name schon vermuten lässt, gibt es im Krankenhaus ja auch noch die Patienten, die aus weniger erfreulichen Anlässen den Jahreswechsel hier verbringen müssen. „Bei uns sind die meisten Menschen älter“, sagt Schwester Martina Wilhelm von Station 30 für Urologie und Unfallchirurgie. „Viele von denen sind dement, die kriegen vom besonderen Anlass heute gar nicht viel mit.“

Letzteres kann man von Gesa W. nicht behaupten: Die 74-Jährige ist im Kopf topfit, auf den Beinen hingegen nicht mehr. Nach einem Sturz musste die Seniorin eine Hüftoperation über sich ergehen lassen – und ist damit bis auf Weiteres ans Bett gefesselt. „Eigentlich hätte ich heute gleichzeitig Silvester und den Geburtstag meines Enkels gefeiert“, berichtet sie. Das Alternativprogramm für den Abend klingt dagegen relativ unspektakulär: „Wenn ich müde bin, schlafe ich ein. Egal, die Hauptsache ist, dass ich schnell wieder gesund werde.“

Alles in allem wird beim Gang durch das Bad Sodener Klinikum deutlich: Der Jahreswechsel geht hier ganz still und leise über die Bühne. „Es wurde keine Feier für die Patienten organisiert, die Besuchszeiten nicht verlängert“, berichtet Bereichsleiterin Karin Schall. Ein Gottesdienst, ein Glücksschweinchen auf dem Essenstablett – und das war’s dann. Auch an den Abläufen für das Personal ändert sich nichts: Ein Sekt um Mitternacht oder auch nur das kleinste Tischfeuerwerk sind tabu. „Silvester und Neujahr sind im Krankenhaus ganz normale Arbeitstage“, erklärt Schall.

Doch was heißt schon „normal“?: Krankenpfleger Oliver, der seinen richtigen Namen nicht in der Zeitung lesen möchte, schiebt die ganze Nacht über mit einem Kollegen in der Notfallambulanz Dienst. Ab 0 Uhr wird die Lage unübersichtlich: Jugendliche, die von einer Rakete getroffen wurden. Besoffene Partygänger, die sich bei einer Tanzeinlage der besonderen Art das Bein gebrochen haben. Männer, die das neue Jahr unbedingt mit einer ordentlichen Prügelei und einer hässlichen Platzwunde begrüßen wollten. Sie alle stranden unverhofft bei Oliver, rund 30 an der Zahl.

„Da geht es mitunter ziemlich brisant zu“, stöhnt der erfahrene Pfleger. In der Tat: Einige Patienten sind aggressiv, andere so volltrunken, dass sie sich kaum auf den Beinen halten können. Oliver und die Ärzte haben alle Hände voll zu tun. „So läuft das eigentlich jedes Jahr“, sagt der 31-Jährige. Irgendwie scheint die alte Miss Sophie also doch recht zu haben: „Same procedure as every year, James.“ – Nur gilt eben nicht überall die „Raclette-Party-Feuerwerk-Variante“.

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