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Zum 68. Mal als Turmbläser aktiv

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Gerhard Schöffel mit seiner Trompete. reuss
Gerhard Schöffel mit seiner Trompete. reuss © Maik Reuß

Gerhard Schöffel spielt noch genauso begeistert wie am Anfang

Sulzbach - Dieser Rekord ist wohl einmalig in Deutschland. Als am Montag, 21. November, der Frankfurter Weihnachtsmarkt am Römerberg eröffnet wurde, war der Sulzbacher Gerhard Schöffel zum 68. Mal ohne Unterbrechung als Turmbläser dabei. Wenn Corona 2020 und 2021 keinen Strich durch die Rechnung gemacht hätte, könnte Schöffel dieses Jahr sein 70. Jubiläum als Turmbläser feiern. Er ist mit seinen mittlerweile 80 Jahren noch genauso begeistert wie 1953, als er als Knirps zum ersten Mal mit der Trompete in der Hand die rund 90 Stufen zur Nicolaikirche erklomm, um hoch über dem Marktgeschehen Weihnachtslieder zu spielen.

Mittwochs und samstags sind Turmbläser auf dem Turm der Nicolaikirche musikalisch aktiv. „Das gestalten verschiedene Frankfurter Posaunenchöre“, sagt Schöffel, der noch zwei Auftritte vor sich hat - am heutigen Samstag, 3. Dezember, und am Samstag, 17. Dezember. Der pensionierte Lehrer und engagierte Kommunalpolitiker hat beim Turmblasen alle Frankfurter Oberbürgermeister der Nachkriegszeit erlebt - von Walter Kolb im Jahr 1953 bis Peter Feldmann zu dessen unrühmlichen Abgang in diesem Jahr. Und er hat die Entwicklung des Weihnachtsmarktes verfolgt. „Früher waren das ein paar Buden mit Lebkuchen und Holzspielzeugen, heute ist es Kommerz hoch drei.“ Deshalb ist er froh, dass zumindest die Turmbläser den wahren Gedanken hochhalten.

Gerhard Schöffel erinnert sich noch genau an sein Debüt als Turmbläser: „Wir waren im März 1952 aus München nach Sachsenhausen gezogen. Mein drei Jahre älterer Bruder Karl-Ernst lernte Trompete, und ich sagte mir: Was der kann, das kannst du auch. So habe ich mich dem Chor der Ostergemeinde angeschlossen und mir das Motto des Chorleiters Gustav Palm zu Herzen genommen, der gesagt hat: ,Sein Mundstück hat man immer dabei’.“

Im Dezember 1953 schleppte der elf Jahre alte Sextaner die Noten und Notenständer für die älteren Kollegen auf den Kirchturm, als der Chorleiter plötzlich sagte: „Heute spielst du mit.“ Es war der Choral „Ihr Kinderlein kommet“, den der junge Schöffel, der natürlich das Mundstück dabeihatte, erstmals mit dem Tenorhorn mit anstimmen durfte. Daraus hat sich eine Aufgabe für das ganze Leben entwickelt.

Später erwarb er mit einer bestandenen Lehrprobe vor dem Landesposaunenwart der Evangelischen Kirche von Hessen und Nassau die Chorleiter-Lizenz. Von 1967 bis 1975 führte er als Chorleiter die Frankfurter Turmbläser. Der Musik hat er es auch zu verdanken, dass er 1967 als Lehrer an die Sulzbacher Cretzschmarschule versetzt wurde. Auf dem Bewerbungsbogen stand „Trompetenspieler“, und in Sulzbach wurde ein Musiklehrer gesucht. Später war Schöffel bis zu seiner Pensionierung Lehrer an der Mendelssohn-Bartholdy-Schule. Er hat viel erlebt: „Einmal war es so eiskalt. Da froren beim Blasen die Instrumente nach und nach ein. Erst die Trompeten, dann die Tenorhörner, später die Posaunen und Tuben. Das Volk auf dem Römerberg lachte herzlich. Wir versuchten von oben lautstark, den Grund für die mangelnde Qualität zu erklären.“

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