Hattersheim

Hattersheim: Suchtberatung für geistig Behinderte

  • schließen

Auch Mitglieder des Evim-Werkstattbeirates werden geschult.

Auch in der Werkstatt für geistig behinderte Menschen greift der eine oder andere zu oft zum Alkohol oder raucht einen Joint. „Wir haben immer wieder über das Thema Sucht gesprochen“, sagt die Geschäftsführerin der Evim-Behindertenhilfe, Renate Pfautsch. Ein eigenes Beratungskonzept für diese Zielgruppe habe es bislang aber nicht gegeben. Weder waren die Informationsbroschüren zu Alkohol- und Drogenkonsum so verfasst, dass geistig behinderte Menschen damit etwas anfangen konnten, noch gab es für die Mitarbeiter der Suchtberatungsstellen und in der Behindertenhilfe spezielle Schulungen.

Das soll sich jetzt ändern. „Wir erarbeiten ein Konzept, damit Menschen mit geistiger Beeinträchtigung künftig auch gute Beratung erhalten können, wenn sie süchtig sind“, sagte Thomas Abel vom Verein Jugendhilfe und Jugendberatung (JJ) gestern vor Journalisten. Wichtig sei, nicht nur die Suchtberater zu schulen sondern auch die Betroffenen und deren Angehörige einzubeziehen.

Als Partner für das Modellprojekt „Geistige Behinderung und problematischer Substanzkonsum“ hat sich JJ die Behindertenhilfe des Evangelischen Vereins für Innere Mission (Evim) geholt, die alleine am Standort Hattersheim in den Werkstätten der Schlockerstiftung 600 Menschen mit geistiger Beeinträchtigung betreut und weitere 200 in Wiesbaden.

„Wir wollen, dass die Suchtproblematik bei unserer Klientel kein Tabuthema mehr ist“, sagt Renate Pfautsch. Die Mitarbeiter der Behindertenwerkstatt sollen über Alkohol-, Drogen- und Medikamentenmissbrauch aufgeklärt werden beziehungsweise im Ernstfall Berater bei JJ aufsuchen können, die in der Lage sind, ihnen die Problematik für sie verständlich zu erläutern. Ein Beratungshandbuch soll im Rahmen des Modellprojektes erstellt werden.

Geschult werde auch der Werkstattbeirat der Schlockerstiftung, der mehrere Hundert geistig beeinträchtige Mitarbeiter vertritt, erläuterte Thomas Abel. An drei Tagen haben die Beiratsmitglieder alles Wichtige im Zusammenhang mit „problematischem Substanzkonsum“ erfahren. „Wir haben auch gelernt, wie wir Kollegen ansprechen können“, berichtete Werkstattbeiratsvorsitzender Sven Fronzek. Er habe gar nicht gewusst, was alles süchtig machen könne, sagte Beiratsmitglied Lukas Heymann. „Die Schulung war für mich sehr aufschlussreich.“

Wissenschaftliche Untersuchungen zum Thema „Geistige Behinderung und Sucht“ gibt es kaum. Das Modellprojekt in Wiesbaden und Hattersheim wird deshalb von der Hochschule Fulda und dem Frankfurter Institut für Sozialarbeit und Sozialpädagogik begleitet. Bei einer Umfrage in Nordrhein-Westfalen gaben 2011 zwei Drittel der Mitarbeiter in der Behindertenhilfe an, bereits mit Suchtproblemen ihrer Klienten konfrontiert gewesen zu sein.

Das Projekt

Das Bundesmodellprojekt „Geistige Behinderung und problematischer Substanzkonsum“ ist eines von deutschlandweit zwei Projekten, in denen für Menschen mit geistiger Behinderung ein Beratungskonzept bei Suchtproblemen erarbeitet wird.

Projektpartner sind der Verein Jugendberatung und Jugendhilfe (JJ) und die Gemeinnützige Behindertenhilfe des Evangelischen Vereins für Innere Mission (Evim).

Gefördert wird das Projekt vom Bundesgesundheitsministerium mit 300 000 Euro. Die Laufzeit beträgt drei Jahre.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare