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Die ersten Pferde sind schon wieder da: Pächterin Sandra Göb mit Hengst Glenn.

Kelkheim

Ein Stück Heimat für viele

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Die Menschen auf dem historisches Gut Rettershof schöpfen nach Großbrand vom Sommer wieder neuen Mut.

Pferdehufe klappern wieder im Hof, der Brandgeruch ist längst verflogen und frischem Farbgeruch gewichen. Aus einem Seitenflügel hört man Pferde wiehern. Sandra Göb in Reithose und Reitstiefeln führt ihren Glenn an lockerem Zügel als Fotomodell in den Teil des Rettershofes, den es am heftigsten erwischt hat. Die 15 Boxen, die sie hier verloren haben, waren gerade mal vier Wochen alt. Schön sieht es wieder aus dort, alles neu, richtig chic. Nur das pralle Leben inklusive Stallgeruch fehlt noch, Glenn etwa und seine Artgenossen. Anfang Januar sollen die Pferde wieder einziehen. Der Unterbau der als Gesamtanlage unter Denkmalschutz stehenden historischen Stallungen des Reiterhofes ist bis zur Zwischendecke wieder hergestellt.

Das Drama einer warmen Sommernacht Anfang Juli hat Spuren hinterlassen. Am denkmalgeschützten Stallgebäude aus dem 19. Jahrhundert und in den Erinnerungen der Menschen. In denen derjenigen, die schnell vor Ort waren, als die Flammen sich ausbreiteten. Um Haus und Hof und vor allem das nackte Leben der dort eingestellten Pferde zu retten. Nichts war nach der Feuernacht mehr wie vorher, dort, im innersten Zentrum des Rettershofes, der für alle, die hier in der Umgebung leben, ein Stück Heimat ist. Nur knapp sind die auf dem Hof lebenden Menschen und Pferde einer Katastrophe entgangen. 

Dankbar sind sie noch heute dafür, dass der Wind damals in der Nacht nicht in Richtung Wald wehte. Ein „absolutes Glück“, so die Pächterin des Rettershof-Reitstalles Sandra Göb. Funkenflug hätte ein Inferno anrichten können. Im Wald und auf dem Gutshof, auf dem 20 Menschen leben und mehr als 40 Pferde eingestellt waren. „Wir sind insgesamt glimpflich davongekommen“, sagt Bürgermeister Albrecht Kündiger heute. Vom Millionenschaden, den das Feuer angerichtet hat, redet er dabei nicht.

Noch immer ist die Brandursache ungeklärt, neue Erkenntnisse gibt es nicht, die Ermittlungen seien nicht abgeschlossen, heißt es. Das 33 mal 11,5 Meter messende Stallgebäude war nicht zu retten. Beschädigt wurden auch Fassade und Dach der ein paar Meter dahinter liegenden Reithalle mit der größeren Anzahl von Pferdeboxen.

Die Vorher-Nachher-Bilder beweisen es: Architekt Tobias Gillenkirch befolgt akribisch die strengen Vorgaben des Denkmalamtes. Alles soll wieder aussehen wie zuvor. Die komplette Fassade des Stallgebäudes mit der Brandmauer, die sie einreißen mussten, um Tausende brennende Strohballen abzufahren. Die Fenster nachgebaut wie im historischen Vorbild, auch bei den Fensterbänken zeigten sich die Denkmalschützer penibel, optisch angepasst bis ins Detail sollten sie sein. 

So soll es auch beim Dachaufbau über den Pferdeboxen weitergehen, alles im historischen Stil und im absolut identischen Maß. Wie es genutzt wird, ist noch unklar, sicher ist nur, nicht wieder für die Heulagerung. Rund 7000 Ballen sind dort im Sommer verbrannt, haben das Drama verschärft.

Rund 350 000 Euro sind auf dem Rettershof seit Beginn der Brandsanierung bereits verbaut worden. Darüber führt Thomas Alisch genau Buch. Der Geschäftsführer der Rettershof GmbH leitet auch die Kämmerei der Stadt Kelkheim und muss fortlaufend Zeugnis ablegen. Mit einem Gesamtvolumen von rund einer Million Euro für den Wiederaufbau wird inzwischen kalkuliert, die Zusammenarbeit mit der Versicherung sei sehr kooperativ, lobt Rathauschef Kündiger. Lobt auch die Spendenbereitschaft der Bürger, mehr als 10 000 Euro seien bereits eingegangen. 

Das gespendete Geld soll vor allem für die Restaurierung beschädigter Kunstwerke verwendet werden, an denen das Feuer in der Nacht zum 4. Juli genagt hatte. Die an der früheren Brandmauer angebrachte „Madonna des Architekten“, eine Replik aus Florenz, ist allerdings nicht zu retten. „Um die 30 000 Euro“, so Thomas Alisch, würde eine neue Replik kosten.

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