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Helmut Kornmann (l.) und Dirk Brüggemeier (r.) wollen das Marxheimer Idyll gegen die Baupläne verteidigen.

Hofheim

BI „Stoppt Marxheim Zwei“ rührt sich

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Der Traum vom Modellquartier am Rand der Kreisstadt schürt auch Ängste.

Die Frankfurter Skyline scheint zum Greifen nah. Sie ist aber noch weit genug weg für den Traum von Bullerbü am Ortsrand von Marxheim. Knapp 15 Kilometer sind es bis zu den Türmen der Großstadt. Was in Lageplänen von Stadtplanern rosarot eingezeichnet ist und als Siedlungserweiterungsfläche firmiert, wollen die Gegner des Projekts „Marxheim II“ unbedingt erhalten. Den dörflichen Charakter bewahren – und die Modellstadt mit viel E-Verkehr und „Quartiersplätzen“ lieber anderen Kommunen als Experimentierfeld überlassen.

Im warmen Nachmittagswind kann man von Bullerbü zwischen den Ästen von Obstbäumen hindurch auf die Metropole schauen. Getreidefelder wogen, Vögel zwitschern, auf einer Weide grasen Pferde, gepflegte und genutzte Kulturlandschaft. Und als ob sie zur Verdeutlichung der heimeligen Szene bestellt wären, kommen fast im Minutentakt Mütter mit Kinderwagen und Kleinkindern auf dem Laufrad vorbei, junge Joggerinnen mit Hund, ältere Radler, die aus dem Kleingarten kommen, ein Traktor älteren Modells rattert vorbei. Wie bestellt, um auf eine intakte Idylle zu verweisen, ein Naherholungsgebiet, in dem sich die Menschen aus dem Ort wohlfühlen. Wie Helmut Kornmann und Dirk Brüggemeier, die angetreten sind, das Idyll zu verteidigen.

Aus der Stadtverwaltung und „der Politik“ hören Kornmann und Brüggemeier stets das gleiche Mantra: Es gebe noch keinerlei Festlegungen, noch gehe es um grundsätzliche Fragen. Man stehe vor einer großen städtebaulichen Herausforderung, im Moment gehe es um „Eckpunkte und Leitplanken“, man sei noch „ganz am Anfang“.

Rund 28 Hektar Plangebiet zu bespielen, ist keine Kleinigkeit, es könnte um bis zu 1400 Wohneinheiten für etwa 3000 Menschen gehen. Die Vision von „Marxheim II“ am Rand von Ur-Marxheim und seinen „Neubaugebieten“ aus den 60er bis 90er Jahren des vorigen Jahrhunderts lässt manche Augen aufleuchten und sorgt bei anderen für tiefe Verunsicherung.

Strenggenommen sind die beiden Mitgründer der Bürgerinitiative „Stoppt Marxheim Zwei“ auch Zugewanderte. Leben am aktuellen Ortsrand, einen Steinwurf vom Außenbereich entfernt. In den Häusern des Randgebietes mit dem Charme der Aufbaujahre diverser Jahrzehnte vor dem Zeitalter der Wohnungsnot, die derzeit überall proklamiert wird. Ob sie damals erwünscht waren? Wer weiß das heute noch. Pensionär Kornmann, der früher als Finanzberater für Abgeordnete im Hessischen Landtag gearbeitet hat, sieht „keine Wohnungsnot“, das Plangebiet Marxheim II mit seinen „überdimensionierten Verhältnissen nutze keinem Hofheimer“, sagt er. Flugdienstberater Brüggemeier mit Arbeitsplatz in Raunheim bezweifelt einen Erfolg von Marxheim II als Projekt für die Kommune. „Warum müssen wir als Hofheimer die Vorstadt von Frankfurt sein?“

Ein großes Thema für Verfechter und Kritiker ist die Verkehrsfrage. Ein Knackpunkt: die Anbindung an Hofheim-Mitte. Da gibt es nur die geschwungene Brücke, den „Flaschenhals“, wie sie in Marxheim sagen. Wie die Modellstadt von außen erschlossen werden soll, ist auch für den Ersten Stadtrat Wolfgang Exner (CDU) noch ein Rätsel. Denn ob die Umgehungsstraße B519 neu jemals realisiert wird, sei noch unklar, hieß es bei den jüngsten Fachdialogen. In der 13-köpfigen Gründercrew der Bürgerinitiative werden sie das Gefühl nicht los, dass „die Pläne schon viel weiter sind als nach außen transportiert“. Befürchtet werden „unseriöse Spiele“, zu den Fachforen seien sie erst „nach Druck als nicht sprechberechtigte Vertreter der BI“ eingeladen worden, sagt Kornmann. Mehr Transparenz, mehr direkte Bürgerbeteiligung im Planungsprozess fordern sie.

Es ist ruhig im Ort, großen Protest gibt es bisher nicht, das müssen Kornmann und Brüggemeier zugeben. Den meisten scheint es egal zu sein, was da im schnuckeligen Vorgarten passieren soll. Den beiden und ihren Mitstreitern im engen Kreis ist es nicht egal. „Wir wollen nachhaltig kritisieren“, sagt Brüggemeier, wohlwissend, dass es ein „langer Prozess und ein steiniger Weg“ werden. Noch hängen nur hier und da kleine rot-grüne Protestplakate („Feld statt Beton – stoppt Marxheim II“) und am Ortseingang ein etwas größeres Banner.

Rund 500 Unterschriften gegen das Projekt hat die Initiative gesammelt, „ohne das groß publik zu machen“, im Sommer will sie offensiver werden. Eine Info-Veranstaltung am potenziellen „Tatort“, vielleicht einen Sternmarsch, eine Petition vorbereiten, versuchen, die Stadtverordneten zum Umdenken zu bewegen. „Die müssen das Gefühl haben, da gibt es Widerstände“, sagt Kornmann.

Dafür braucht es Schlagworte, die im Gedächtnis bleiben. Die Warnung vor Verkehrsverdichtung und der Entstehung neuer sozialer Brennpunkte etwa, vor Spekulanten, die als seriöse Investoren auftreten und in diesem Zusammenhang „die drohende Enteignung von Privatvermögen“, wenn es bei der Grundstücksverplanung nicht so läuft wie gewünscht. Denn mit im Spiel um Marxheim II sind laut Stadtrat Exner („Das werden ganz schwierige Verhandlungen“) etwa 120 Eigentümer, mit denen gemeinsam eine gute Lösung gefunden werden muss. Für Helmut Kornmann und Dirk Brüggemeier wäre gar keine Lösung die beste Lösung.

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