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Stärke zeigen und Ruhe bewahren

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Von: Jennifer Hein

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Ilker Sayar (links) und sein Kollege Christian Utes  schauen im Park nach dem Rechten.
Ilker Sayar (links) und sein Kollege Christian Utes schauen im Park nach dem Rechten. © Michael Schick

Eschborn Mehr Stadtpolizisten sollen für Sicherheit und Ordnung in den Abend- und Nachtstunden sorgen

Christian Utes greift zu seinem wichtigsten Arbeitsgerät – der

Taschenlampe. Es ist dunkel und mit seinem Kollegen Ilker Sayar ist er im Skulpturenpark hinter dem Bürgerzentrum Niederhöchstadt unterwegs. Seine größte Waffe ist seine Stimme. Die braucht er gleich, um eine Gruppe Jugendlicher zu überzeugen, ihre Musik leiser zu drehen. Die sitzen auf einer Bank, hinter einem Busch, wenige Meter entfernt liegen Wohnhäuser. Der Lichtstrahl der Taschenlampe blendet sie.

„Hallo Jungs, ihr wisst ja, ab 22 Uhr muss es leiser sein, sonst kommt wieder ein Anruf.“ Einer im Kapuzenpulli dreht am Regler. „Ja, ja, is’ klar!“ Im Park ist es wieder ruhig. Jetzt sind wieder die zirpenden Grillen und das Rauschen der Straße zu hören. Irgendwo im Dunkeln klirren Flaschen.

Utes (26) und sein Kollege Sayar (34) sind Teil des neuen Sicherheitskonzepts der Stadt Eschborn. Sie gehören zu der Einheit der Stadtpolizisten, die seit dem 1. Juli mit zusätzlich vier Mann für Ruhe und Ordnung in den Abend- und Nachtstunden sorgen sollen. Bürger können sie unter einer Hotline direkt erreichen und Lärmbelästigungen oder Sachbeschädigungen melden. Bis ein Uhr nachts geht ihr Dienst, am Wochenende sogar bis drei Uhr.

An diesem Freitagabend ist es ruhig. Die drei 15-Jährigen mit ihrer etwas zu lauten Musik und der Mischung aus Wodka und Magic Man in der Plastikflasche verhalten sich ruhig. Sie kennen Utes und Sayar schon, haben Respekt vor den breiten Männern in Uniform. Die beiden haben einen von den Jugendlichen vor ein paar Wochen mit Haschisch erwischt. Der Gymnasiast beteuert seither, nicht mehr zu kiffen. Ein kleiner Erfolg für die Ordnungshüter.

Um 18 Uhr beginnt ihre Schicht. Umziehen, E-Mails checken, dann in den Streifenwagen. Erste Anlaufstelle ist immer der Montgeronplatz. Vor dem Jugendzentrum sitzen Jugendliche, sie haben Stühle von drinnen zu einem Kreis zusammengestellt. Die Polizisten beäugen sie skeptisch aus den Augenwinkeln. Noch ist es ruhig. Im und um den Skulpturenpark hinter dem Bürgerzentrum sitzen kleine Grüppchen. Nichts Verdächtiges. Hier kam es aber auch schon zweimal zu Handgreiflichkeiten, Jugendliche pöbelten ihre Kollegen an.

„Es hat sich schon viel getan“, sagt Sayar, während er die Wege im Park abgeht. Die meisten, die regelmäßig abends auf den Eschborner Straßen rumhängen, kennen ihn und seine Kollegen. Nach vielen Gesprächen hielten sie sich an die Regeln. Stadtrat Mathias Geiger (FDP), der das Projekt angestoßen hat, ist zufrieden. „Ruhiger geworden ist es schon. Vor allem in der Problemzone Montgeronplatz.“

Utes und Sayar setzen sich wieder in ihr Auto. Liegt nichts Spezielles an, fahren sie Streife. Die Straßen zwischen den großen Bürokomplexen und der Börse sind gegen 22 Uhr wie ausgestorben. Die Parkplätze und Gehwege sind leer. Zwei Häuserreihen weiter sieht das ganz anders aus. Fahrzeuge mit auswärtigen Kennzeichen parken vor dem maroden Haus mit den Lichtschläuchen. Der Kontrast zu den Hochglanzfassaden der Bürotürme im Hintergrund ist groß. Vor dem Freudenhaus hätten sie es mal mit einer Gruppe Hooligans zu tun gehabt, sagen die Polizisten. Heute ist nichts los. Sie fahren weiter.

Ein dunkelblauer BMW, der auf einen leeren Parkplatz fährt, erregt ihre Aufmerksamkeit. Personenkontrollen gehören auch zu ihren Aufgaben. Die drei jungen Männer im Auto nehmen es gelassen. „Wir werden jeden zweiten Abend kontrolliert“, sagt der Fahrer, den Utes per Anruf bei der Landespolizei überprüfen lässt und der, wie sich später herausstellt, als Dealer bekannt ist. Heute ist ihnen nichts nachzuweisen. „Was, wenn einer von uns 'ne Waffe zieht?“, fragt der Beifahrer. „Macht's gut, bleibt sauber, Jungs“, verabschiedet sich Sayar.

Das mit der Waffe ist tatsächlich ein Thema für die beiden Polizisten, die früher als Personenkontrolleur und im Sicherheitsdienst am Frankfurter Flughafen tätig waren. Immerhin eine schusssichere Weste schützt sie. „Es wäre schon gut, wenn die Stadt uns mit Waffen ausstattet“, sagt Sayar. „Nein, das ist nicht angedacht“, sagt Erster Stadtrat Geiger. Vielleicht machen sie Lehrgänge für den Gebrauch von Pfefferspray und Handfesseln. „Irgendwann. Das muss aber noch besprochen werden.“ In erster Linie sollen sie deeskalierend tätig sein.

Nach den ersten Kursen ist der Spättrupp erst in etwa einem Jahr fertig ausgebildet. Das Augenmerk liegt auf psychologischen Schulungen. „Ursprünglich war die Idee, dass wir die Unruhestifter nur ansprechen und dann auf die Landespolizei warten sollten“, sagt Utes. Die Arbeit mit den Kollegen klappe auch prima. Doch mit reden allein kämen sie bei schweren Fällen nicht weiter.

Was sich da im dunklen Acker zwischen Frankfurt und Eschborn nachts tummelt, sind nicht nur trinkende Jugendliche. Wie jeden Abend durchstreifen Utes und Sayar die Feldwege. „Wir hatten hier schon Drogendealer mit schwerem Stoff“, erzählt Utes. „Man weiß nie, was einen erwartet, wenn man ein Auto stoppt. Wenn einer eine Waffe zieht, hast du Pech gehabt.“ Die Ecken unter Brücken oder in Gebüschen, wo sich Dealer verstecken können, kennt er genau. „Hier drüben haben sie die Gullydeckel geklaut und da die Schranke abgemacht.“

Viele nutzten den Weg als Abkürzung. An diesem Abend springen nur ein paar Hasen aus dem Gebüsch. Am anderen Ende des Feldes biegt ein Fahrzeug ein. Die Polizisten steuern darauf zu. Als sie sich gegenüber stehen, schalten sie das Blaulicht ein. Plötzlich geht in dem anderen Wagen auch ein blaues Licht an und dreht sich. Es sind die Kollegen von der Frankfurter Kripo. Sie gehen einem Hinweis nach.

Die Eschborner seien mit ihrem Abendeinsatz Vorreiter im Main-Taunus-Kreis, sagt Herbert Brendel, Fachbereichsleiter Sicherheit und Ordnung. Bislang sorgten private Sicherheitsdienste am Abend für Ruhe auf den Straßen. Doch vor denen hätten die meisten keinen Respekt gehabt. „Sie waren wenig geschult und es gab auch rechtliche Probleme“, so Brendel. Bis Ende 2011 sind die Sicherheitsleute noch zusätzlich im Einsatz.

Das gesamte Stadtgebiet von Niederhöchstadt und Eschborn ist das Revier von Utes und Sayar. „Die meisten kennen uns schon und halten sich an die Vorgaben“, sagt Utes. Wichtig sei vor allem ein selbstsicheres Auftreten. „Stärke zeigen und Ruhe bewahren“, ist ihr Credo. „Ängstlich darf man nie sein“, sagt Sayar. Als Spätschicht-Sheriff fühlt er sich wohl. Die abwechslungsreiche Arbeit mit Menschen reizt ihn.

Von Anfang an gehört der Südbahnhof zu ihrer Route. Auf dem Parkplatzdeck lauern immer wieder skurrile Gestalten. Diesmal warten nur einige Autos auf ihre Besitzer. Utes schreibt einem Falschparker ein Knöllchen.

In ihrem blau-silbernen Polizeiwagen ziehen Utes und Sayar alle Blicke auf sich, wenn sie an Imbissen und Cafés vorbeifahren. Im kleinen Problembezirk Am Stadtpfad tummeln sich mehrere Gruppen, Männer wie Frauen hinter Lieferwagen. Ihre Augen folgen der Streife.

Das Bürger-Telefon bleibt heute ruhig. An anderen Abenden klingelte es im Zehn-Minuten-Takt. Zurück am Montgeronplatz überlegen Utes und Sayar gerade, wo sie sich ihr Abendessen herholen, als im Neonlicht vorm Supermarkt zwei junge Männer lauter werden. Es sieht nach einem beginnenden Streit aus. „Mal gucken, was da los ist“, sagt Sayar.

Stadtpolizei Eschborn: täglich von 19 Uhr an zu erreichen unter Telefon 06196/490491

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