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Hier zeigt Alfred Westenberger das Bild eines prächtigen Schmetterlings.

Flörsheim

Die bunte Schmetterlingswelt in den Weilbacher Kiesgruben 

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Exkursion zu Sechsfleck-Widderchen & Co in den Weilbacher Kiesgruben.

Stop“, ruft Alfred Westenberger unvermittelt. Jeden Grashalm und jede Distel scheint der leidenschaftliche Lepidopterologe hier zu kennen, den Schachbrettfalter am Halm in Kniehöhe sieht er sofort. Ruckartig bleibt die Gruppe stehen, zwei Dutzend Männer und Frauen in seinem Gefolge, die am frischen Morgen nur Schmetterlinge im Sinn haben. Die Augen eher am Boden und in halber Höhe im vielfältigen Pflanzenmeer als am Himmel, fast jeder die Kamera stets griffbereit. Eine Exkursion mit dem 72-Jährigen aus Marxheim verspricht viele bunte geflügelte Wunderwesen vor der Linse.

Noch ist es zu kühl bei knapp unter 20 Grad und feuchter Luft, um Schmetterlinge fliegen zu sehen. Flugversuche mit dem Schachbrettfalter scheitern, ein paar Flügelschläge nur führt er nach dem Abwurf von Westenbergers Finger vor, dann kehrt er zurück zum Halm. Der Schmetterling des Jahres gehört zu den 34 Tagfalterarten, die in den renaturierten Weilbacher Kiesgruben heimisch sind. Vorbildhaft nennt der Experte, was hier auf etwa 58 Hektar Fläche in den letzten Jahrzehnten passiert ist. Weil an vielen Stellen nur das passiert, was die Natur will. Ungedüngte und daher noch blumenreiche Wiesen, Waldsäume und –lichtungen sowie Wegränder sind die Lebensräume des Schachbrettfalters. Und für viele andere seiner Artgenossen wie Eisvögel und Schillerfalter.

Die früheren Kiesgruben bieten in Fülle, was die zarten Flugtiere brauchen. Ein Paradies für Schmetterlingsfreunde und Naturgarten-Planerinnen wie Petra Heberer tut sich da auf unter Hochspannungsleitungen, zwischen Autobahn und Einflugschneise zum Flughafen. Viele in der Gruppe sind Experten auf ihrem Gebiet, schnell bilden sich Grüppchen für individuelle Feldforschung. Heberer ist die Pflanzenkundlerin, die Geschichten über die Weber-Karde und die Wilde Karde erzählt, der promovierte Chemiker Matthias Henker, wie Westenberger Lepidopterologe, der schnell zwei Widderchen und einen Hauhechel-Bläuling mit seinem Kescher gefangen hat und im Flugkäfig zur Analyse präsentiert. Ruhig Blut, danach darf jedes Flugtier wieder seine Kreise ziehen.

Ohne mit den Flügelchen zu zucken, lassen Widderchen im Morgenschlaf Kameraaugen bis auf Zentimeter an sich ran. Zwischen 20 und 30 Grad liegt ihre Lieblingstemperatur, in den Kiesgruben flattern drei Arten Widderchen. Alfred Westenberger kann sie alle unterscheiden. Gesellige Tierchen, am Natternkopf aus der Familie der Raublattgewächse und am Hornklee oder an Disteln versammeln sie sich gerne zu Schlafgemeinschaften. Den Exkursionsteilnehmern werden perfekte Fotomotive mit geduldigen Modellen geboten.

Westenberger geht es vor allem darum, Sensibilität zu wecken. So wie sie bei ihm schon in früher Kindheit geweckt wurde, als er im Unterfränkischen in der Sommerfrische mit anderen Buben auf Schmetterlingsjagd ging. Wer ihn einmal über die Metamorphose vom Ei zur gefräßigen Raupe, über die starre Puppe zum zerbrechlichen und hinwegflatternden Schmetterling sprechen hört, der ist schnell vom Faszinosum der fliegenden Leichtgewichte infiziert. Und wird mit jeder Brennnessel im Garten vorsichtig umgehen. Eindringlich blickt Westenberger in die Runde: „Sechs Tagfalterarten brauchen die Brennnessel zum Überleben“, mahnt er.

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