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Der Flieger, der kein Nazi sein wollte

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Von: Jürgen Streicher

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Claudia Ludwig und Bürgermeister Alexander Immisch erinnern an Albert Richter.
Claudia Ludwig und Bürgermeister Alexander Immisch erinnern an Albert Richter. © Renate Hoyer

Am Jahrestag seinen ersten Sieges wird dem „vergessenen Weltermeister“ ein Gedenkstein gesetzt. Der Radrennfahrer Albert Richter starb mit 27 Jahren nach einem Verrat an die Nazis.

Er war ein „Flieger“, so wurden damals die Radsprinter genannt. Vor 90 Jahren, als der junge Sportler Albert Richter in Rom Amateur-Weltmeister wurde. Eine große sportliche Karriere wurde dem ehrgeizigen 19-Jährigen nach spektakulären Siegen in Serie vorhergesagt. In der Tat folgten sieben Deutsche Meistertitel, zwei Vizeweltmeisterschaften, Richter war ein populärer Vorzeige-Sportler der 30er Jahre, er hätte ein Vorzeige-Nazi werden können. Doch Albert Richter war ein Mann mit falscher Gesinnung, aus Sicht der Nationalsozialisten. Er war erst 27 Jahre alt, als er Opfer der Nazi-Gewaltherrschaft wurde, in der Silvesternacht 1939 an der Grenze zur Schweiz.

Der „Vergessene Weltmeister“ hieß es lange über den rasenden „Flieger“, der so jung starb. In Schwalbach hat sich das vor zwei Jahren geändert, damals im Januar 2020 wurde die Straße „Am Sportplatz“, die zu den Sportstätten „Hinter der Röth“ führt, in „Albert-Richter-Weg“ umbenannt. Eine Initiative der SPD war vorausgegangen, namentlich der Historikerin, Journalistin und Stadtverordneten Claudia Ludwig. Sie war bei einer Exkursion nach Verdun auf Albert Richter gestoßen, wollte ihren Kindern den Kriegsschauplatz mit den Gräberfeldern aus dem Ersten Weltkrieg und der Gedenkstätte zeigen. In einem Seitenraum hatten die radsportbegeisterten Franzosen dem verehrten deutschen Sportler eine Gedenktafel mit Fotos gewidmet.

Claudia Ludwig war beeindruckt, ihr ging es nicht um sportliche Meriten des Radlers bei ihrem Wunsch nach Ehrung. Ihr ging es um dessen „klare Haltung und mutigen Widerstand gegen das Unrechtsregime, das heutigen und zukünftigen Generationen Vorbild sein könne“.

Damals musste sie viel „Provinzialismus“ aus sturen Köpfen räumen, so Ludwig heute, ein örtlicher Bezug zu Schwalbach war mit dem „Köllschen Jung“ einfach nicht herzustellen.

Die Wende in den Köpfen hin zur öffentlichen Erinnerung an Albert Richter auf Schwalbacher Boden war einfacher, nach dem der Weg durch die Straßenbenennung vorgegeben war. Auf den Tag passend zum 90. Jahrestag des ersten großen Sieges des „Fliegers“ Albert Richter auf der Radrennbahn von Leipzig-Lindenau am 3. April 1932, der ihm den Weg ins Nationalteam ebnete, wurde gestern bei einer kleinen Feier ein schlichter Gedenkstein aus Serpentingneis mit einer Bronzegussplatte und zwei Fotokeramiken enthüllt. Sie zeigen ein Porträt des Radlers, der kein Nazi sein wollte, und ein Bild, das ihn im geliebten Rennsattel zeigt. „Albert Richters Mut und Einsatz sollte allen ein Vorbild sein“ steht am Ende der Inschrift.

Am passenden Ort, wie jetzt alle finden, wurde der Gedenkstein aufgestellt, am Ende des Albert-Richter-Weges, an dem auch der Dirt-Bike-Park liegt, direkt vor der Sportanlage.

Jeden Tag kommen dort viele junge Sportler vorbei. Am Stein, der an einen jungen Menschen erinnert, der sein Leben gelassen hat, um sich für jüdische Freunde einzusetzen und sich vom NS-Regime nicht vereinnahmen ließ. Der hartnäckig ein Hakenkreuz auf seinem Trikot und den „Deutschen Gruß“ verweigert hat, der noch an seinem jüdischen Trainer festgehalten hat, als dieser schon in die Niederlande emigriert war.

Bürgermeister Alexander Immisch bezeichnete Radsprinter Richter gestern als „geradlinige und unerschrockene Persönlichkeit“. Auf dem Weg in die Schweiz 1939 war dieser Wesenszug sein Todesurteil. Er wollte einem geflüchteten jüdischen Freund dessen Ersparnisse in das sichere Nachbarland bringen, eingenäht in einem seiner Fahrradreifen, als er an der Grenze verhaftet wurde. Ein Denunziant hatte ihn an die Gestapo verraten. Richter wurde ins Gefängnis nach Lörrach verbracht und dort getötet. Die genauen Umstände wurden stets vertuscht, sein Bruder fand zwei Tage später die Leiche im Totenkeller, blutverschmiert und mit Löchern in der Kleidung.

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