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Buchautorin Katharina Schaaf mit Bernd Becker (li) und Bürgermeister Albrecht Kündiger.

Kelkheim

Schutzmann Becker erzählt Stadtgeschichte

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Eine Historikerin schreibt nun die Biografie des ersten kommunalen Polizisten. Josef Becker selbst gab mit 94 Jahren dazu ein Zeitzeugeninterview.

Die Zeit, die Katharina Schaaf mit Josef Becker in seiner Gartenlaube verbracht hat, wird die Frankfurter Historikerin immer in Erinnerung behalten. Stundenlang habe der frühere Kelkheimer Schutzmann aus seinem Leben erzählt – lebhaft, anschaulich und mitreißend. „Josef Becker hat es nicht immer leichtgehabt im Leben, aber er war von einer großen inneren Dankbarkeit erfüllt. Das hat mich besonders beeindruckt“, berichtet Schaaf. 

Als Zeitzeugen hat sie den weit über 90-Jährigen 2013 interviewt, wollte eigentlich eine Stadtführung zur Alltags-, Kriegs- und Nachkriegsgeschichte Kelkheims vorbereiten. Als sie 16 Stunden Tonbandprotokoll abgetippt hatte, stand fest: Daraus muss mehr werden. Auf Anregung der Kelkheimer Kulturamtsleiterin Beate Matuschek schrieb Katharina Schaaf eine Biografie über Josef Becker. Als „besonders einfühlsam“ lobte Beckers Sohn Bernd das Buch gestern bei der Vorstellung im Rathaus. Ältere Menschen könnten sich darin wiederfinden, Jüngere ein Stück lokaler Zeitgeschichte nachlesen, sagte Verleger Paul Pfeffer.

Josef Becker sei sich des ideellen Wertes seiner Erinnerungen bewusst gewesen, ist Katharina Schaaf überzeugt. Ausführlich erzählte er ihr von seiner Kindheit, als die Buben in der bereits asphaltierten Frankfurter Straße noch mit Klickern spielten, über die Zeit in der Kelkheimer Volksschule, seine Schreinerlehre und die Faszination für das Franziskanerkloster, die ihn sein Leben lang nicht losließ. Der Besuch des Gymnasiums blieb ihm verwehrt, auch die Fürsprache des Pfarrers half nicht – die Familie konnte sich das Schulgeld nicht leisten.

Nach dem Arbeitsdienst in Trier meldete sich Becker Anfang der 1940er Jahre freiwillig zu den Pionieren, machte den Balkanfeldzug und den Feldzug nach Kreta mit. Anders als viele seiner Schulkameraden kam er weitgehend unversehrt aus dem Krieg nach Hause. „Der Herrgott hat mir einen Schutzengel geschickt“, sagte er oft. 

1945 wurde er Kelkheims erster Schutzmann. Das Einstellungsgespräch, das Bürgermeister Wilhelm Stephan mit dem Kriegsheimkehrer führte, ist im Buch wiedergegeben: „Warst du in der SA?“ – „Nix.“ – Warst du in der SS?“ – „Nein.“ – „Warst du in der Partei?“ – „Mit dene hatt‘ ich nix am Hut. “ –„Dann bis du der richtige Mann für uns, Becker. Hast du Interesse? Ich stell dich sofort ein.“

Josef Becker hängte den Schreinerberuf an den Nagel und kümmerte sich fortan um Verkehrsunfälle und um Plünderer, er begrüßte Kriegsflüchtlinge aus dem Sudetenland, aus Tschechien und Ungarn in Kelkheim und musste auch manche Todesnachricht an Familien gefallener Soldaten überbringen. Bis 1979 war er als Schutzmann im Dienst, jeder in der Stadt kannte ihn. Er engagierte sich auch ehrenamtlich, wirkte beim Bau des Pfarrzentrums Sankt Franziskus mit und setzte sich für die Renovierung der Klosterkirche ein.

Geschickt verknüpft Katharina Schaaf in ihrem Buch das persönliche Schicksal Beckers mit der Stadtgeschichte. Sie ordnet seine Erzählungen in den historischen Zusammenhang ein und lässt durch die Augen des Kelkheimer Stadtpolizisten ein ganzes Jahrhundert lebendig werden. 

Bereits 1942 hatte Josef Becker seine Jugendliebe Paula geheiratet; kennengelernt hatte er sie beim Tanzen im Saalbau Taunusblick. Nach dem Krieg zogen die beiden in Beckers Elternhaus unterhalb des Franziskanerklosters, Tochter und Sohn wurden geboren. 2012 feierte das Paar die Gnadenhochzeit. 2016 ist Josef Becker im Alter von 97 Jahren gestorben. Seine Frau Paula feiert im kommenden Mai ihren 100. Geburtstag. 

Das Buch

Die Biografie „Ich bin ein Kelkheimer Bub – Ein Jahrhundert mit den Augen des Polizisten Josef Becker“ von Katharina Schaaf ist im Pauer Verlag erschienen und kostet 12,80 Euro. 

Zur Premierenlesung lädt die Stadt für Donnerstag, 31. Januar, 19 Uhr, in die Stadtkapelle, Hauptstraße, ein. Es ist Josef Beckers 100. Geburtstag. Der Eintritt ist frei. 

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