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Museumsleiter Wolfgang Janecke in einem Klassenzimmer aus der Kaiserzeit.

Kriftel

Rohrstock und Schiefertafel

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Das Schulmuseum besteht seit 30 Jahren. Wolfgang Janecke, früher selbst Lehrer, hat es aufgebaut.

Energisch klopft Wolfgang Janecke mit dem Rohrstock auf den Tisch. Die Mädchen und Jungen in den engen Schulbänken kichern. Janecke gibt den gestrengen Lehrer: „Aufstehen“, kommandiert er. „Und setzen.“ Wie jede Führung, die Wolfgang Janecke für Schulklassen anbietet, endet auch diese Reise durch die Geschichte des Lehrens und Lernens mit einem Rollenspiel. Die Schülerinnen und Schüler von heute sitzen dabei in einem Klassenzimmer aus der Zeit um 1900. Es ist das Herzstück des Krifteler Schulmuseums. Janecke, Mitbegründer und Leiter der Ausstellung, hat das Mobiliar für das historische Klassenzimmer aus der ganzen Region zusammengeholt. Die Schiefertafel kommt aus Wallau, die Fenster und die Tür sind aus Bad Soden, der abgenutzte Holzfußboden stammt aus dem längst abgerissenen Volksschulgebäude im Eppsteiner Stadtteil Niederjosbach. Original ist auch der Rohrstock. Der sei noch in den 1960er Jahren in einer Frankfurter Schule zum Einsatz gekommen, sagt Janecke. 

Vor 30 Jahren hat der ehemalige Realschulleiter der Hattersheimer Heinrich-Böll-Schule mit dem Aufbau des Schulmuseums in Kriftel begonnen, fünf Jahre zuvor war bereits ein Förderverein gegründet worden, um Geld für das Projekt aufzutreiben. Kreisheimatpfleger Dietrich Kleipa half beim Sammeln historischer Schulutensilien, Landräte und Schuldezernenten unterstützen das Vorhaben. Heute sind mehr als 1000 Exponate in Schulmuseum ausgestellt, doppelt so viele, darunter auch zahlreiche Bücher, hat Wolfgang Janecke im Laufe der Jahrzehnte inventarisiert.

Besonders stolz ist er auf einen Glaspokal, den er in Wien entdeckt hat. Er trägt die Gravur: „Ihrem theuren Lehrer zu seinem goldenen Schuljubiläum am 21. März 1865 – die dankbare Schuljugend“. Seit kurzem erst steht der in einer der Vitrinen des Museums. Auf Flohmärkten, in Speichern und Kellern hat Janecke immer wieder Fotos und alte Zeugnisse gefunden, Bürger brachten ihm Hefte, Ranzen und Bücher aus ihrer eigenen Schulzeit, die heute Teil der Ausstellung im Schulmuseum sind. Ältestes Exponat ist ein sogenannter Stilus, ein römisches Schreibgerät, das aus dem niederösterreichischen Carnuntum stammt. 

Als thematische Schwerpunkte im Museum hat Janecke die Höhepunkte eines jeden Schülerlebens gewählt – Einschulung und Zeugnisausgabe. Didaktisch widmet sich die Ausstellung unter anderem der „Nassauischen Simultanschule“, die in der Weimarer Republik Gesetz wurde. Ungeachtet ihrer Konfession wurden damals alle Schüler gemeinsam unterrichtet. 
Weil Janecke der gesellschaftspolitische Ansatz wichtig ist, informiert er auch über die Reformpädagogik, die Anfang des 20. Jahrhunderts frischen Wind in die preußischen Schulen brachte. Ein Vertreter war der Kelkheimer Lehrer Bruno Semrau, der in der „Praktischen Schule“ Hauswirtschafts- und Werkunterricht für Mädchen und Jungen einführte.

Wenn die Schüler von heute im Klassenzimmer aus der Kaiserzeit sitzen, dann können sie auf ihren Schreibtafeln mit dem Griffel Sütterlinschrift üben. In den Ausstellungsräumen des Schulmuseums haben sie davor auch über Exponate gestaunt, die ihre Eltern und Großeltern noch aus der eigenen Schulzeit kennen: Setzkästen für Erstklässler, Rechenschieber, ausgestopfte und in Spiritus eingelegte Tiere sowie riesige schwarze Leitzprojektoren, auf denen die ersten Filme im Unterricht gezeigt wurden. 

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