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Ein Regal wie Halme im Wind

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Isabell Schalk
Isabell Schalk © Monika Müller

Die Schreinerin Isabell Schalk aus Hofheim hat das schönste Gesellenstück in Hessen gebaut - obwohl sie dazu gar kein Holt verwendet hat.

Von Claudia Horkheimer

Isabell Schalk baut gerne mit Gras. Die 21-Jährige landete auf dem ersten Platz im hessenweiten Wettbewerb „Die gute Form“, bei dem das Tischler- und Schreinerhandwerk exzellent gestaltete Gesellenstücke auszeichnet. Jetzt steht ihr Hängeregal aus Bambus – das botanisch betrachtet kein Holz, sondern ein Gras ist – im Museum für angewandte Kunst in Frankfurt. Im Mai geht’s zum Bundesentscheid nach Hannover.

Das Ungewöhnliche am Gesellenstück der Jungschreinerin ist, dass sie die wiegende Form von Grashalmen umgesetzt hat. Das Schwierigste sei dabei gewesen, die verschiedenen Böden einzupassen, sagt sie. Drei Wochen arbeitete sie ununterbrochen an dem ungewöhnlichen Möbelstück. Ungewöhnlich – immer noch – ist es auch, dass eine Frau diesen Beruf ausübt.

Schalk tut es, weil sie schon als Kind gern in der Werkstatt des Großvaters, der ebenfalls Schreiner war, bastelte. Doch als sie sich entschied, ein Praktikum zu machen, war es zunächst schwierig für die aus Königstein stammende Frau, einen Platz zu finden. „Die alten Meister stellen keine Frauen ein, weil sie meinen, Frauen gehören hinter den Herd“, sagt die hübsche Blondine. „Und die neue Generation, findet es zwar toll, sie würden dennoch keine weiblichen Mitarbeiter einstellen.“

Schließlich fand sie in der Werkstatt von Clemens Müller in Hofheim-Diedenbergen einen Praktikumsplatz und bekam im Anschluss dort auch eine Ausbildungsstelle. In der Berufsschulklasse in der Hofheimer Brühlwiesenschule war sie das einzige Mädchen. Doch nach ihrer Zeit auf einer katholischen Mädchenschule in Königstein fand sie es schön, nur mit Männern zusammen zu sein. Frauen, die den Beruf ausübten, seien vom Charakter her anders. „Nicht so zickig, sondern direkt“, findet sie.

In der Schreinerei Müller, die sich auf die Herstellung ausgefallener Möbel spezialisiert hat, ist Schalk nicht die einzige weibliche Mitarbeiterin. Clemens Müller und seine Frau, die ebenfalls Schreinermeisterin ist, beschäftigen ausschließlich Frauen. Außer Isabell Schalk gibt es die Gesellin Anna Luft, die 2010 den zweiten Preis beim Bundeswettbewerb „Die gute Form“ machte. Clemens Müller führt den Erfolg seiner Schützlinge darauf zurück, dass er in der Ausbildung viel Wert auf Gestaltung und Design lege und sie ermuntere, sich Handwerksausstellungen etwa von den Jungen Wilden in Köln anzuschauen.

Nach ihrer Gesellenprüfung im vergangenen Juni wurde Schalk übernommen und will jetzt die Meisterprüfung machen. Ihr Traum ist es, irgendwann als Möbelrestauratorin zu arbeiten. Für die Fortbildung braucht sie den Titel. Sie schwärmt für alte Möbel, wenngleich sie in ihrer kleinen Wohnung in Hattersheim keinen Platz für sie hat. Dort prunkt ihr selbst gebautes Bett aus Kirschbaumholz. Praktisch, wenn man seine Möbel selbst bauen könne, bestätigt sie. Allerdings nicht unbedingt billiger. Zwar dauerte es nur sechs Stunden, die Schlafstatt zurechtzuzimmern, aber das Holz kostete immerhin stolze 400 Euro.

Bambus hingegen sei ein schnell heranwachsendes Material und dadurch preiswerter als exklusive Hölzer, sagt Clemens Müller. Durch seine Eigenschaft, Feuchtigkeit im Sommer aufzunehmen und im Winter abzugeben, sei es geeignet, das Raumklima zu verbessern. „Außerdem“, sagt Isabell Schalk, „liegt es voll im Trend“.

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