Bitte deaktivieren Sie Ihren Ad-Blocker

Für die Finanzierung unseres journalistischen Angebots sind wir auf die Anzeigen unserer Werbepartner angewiesen.

Klicken Sie oben rechts in Ihren Browser auf den Button Ihres Ad-Blockers und deaktivieren Sie die Werbeblockierung für FR.de. Danach lesen Sie FR.de gratis mit Werbung.

Lesen Sie wie gewohnt mit aktiviertem Ad-Blocker auf FR.de
  • Zum Start nur 0,99€ monatlich
  • Zugang zu allen Berichten und Artikeln
  • Ihr Beitrag für unabhängigen Journalismus
  • Jederzeit kündbar

Sie haben das Produkt bereits gekauft und sehen dieses Banner trotzdem? Bitte aktualisieren Sie die Seite oder loggen sich aus und wieder ein.

Hofheim

„Nur ein Kopfschuss, sonst ist alles klar“

  • Andrea Rost
    VonAndrea Rost
    schließen

Feldpostbriefe und Tagebücher von Schulkindern: Die Spuren, die der Erste Weltkrieg in Hofheim hinterlassen hat, zeichnet jetzt eine Sonderausstellung im Stadtmuseum nach.

Woran merken wir, dass Krieg ist? Diese Frage sollten Hofheimer Schulkinder im Jahr 1915 beantworten. Und Anna Linscheid schrieb in ihr Tagebuch: „Wir merken, dass Krieg ist zuerst an dem Brot, denn wir dürfen nicht mehr so viel essen. Jetzt ist auch alles so teuer, daran merkt man auch, dass Krieg ist. Und wir merken es noch mehr, weil unsere Väter und Brüder im Felde sind.“

Ein Jahr zuvor, am 2. August, 1914, hatte eine Sonderausgabe des Höchster Kreisblattes über die Mobilmachung informiert und auch gleich den Fahrplan des Lokalzuges abgedruckt, den die in den Krieg beorderten Soldaten nehmen sollten. 1200 Hofheimer Männer mussten in den nächsten vier Jahren an die Front, 121 kehrten nicht zurück.

Die Spuren, die der Erste Weltkrieg in der idyllischen Kleinstadt hinterlassen hat – Hofheim zählte Anfang des 20. Jahrhunderts 4700 Einwohner – zeichnet jetzt eine Sonderausstellung nach, die am Wochenende im Stadtmuseum eröffnet wurde.

Aus dem reichen Fundus des Stadtarchivs

Alle Exponate, die in den Vitrinen zu sehen sind, stammen aus dem Stadtarchiv. Zusammengetragen wurden sie in den letzten drei Jahrzehnten, vor allem von Stadtarchivarin Roswitha Schlecker, die von „wahren Schätzen“ berichtet, die sie auf vielen Speichern gefunden habe. In Lorsbach etwa entdeckte sie Kriegszeitungen, in denen man nun in der Ausstellung blättern kann. Privatleute stellten Briefe und Schultagebücher zur Verfügung. Auch Protokollbücher und Stadtrechnungen hat Schlecker für die Ausstellung ausgewertet.

Dabei stellte sie zum Beispiel fest, dass Hofheim 223,70 Mark Verpflegungsgeld für zehn Reservisten ausgab, die zu Kriegsbeginn am Meisterturm Tag und Nacht den Himmel beobachteten, um feindliche Flugzeuge zu melden. Später kaufte die Stadt einen Eisenbahnwaggon voller Kartoffeln für 1602,72 Mark um den Ernährungsengpass auszugleichen. Für jeden Hofheimer Soldaten wurde überdies eine Kriegsversicherung abgeschlossen. Als immer mehr Männer eingezogen wurden, wurden die Zahlungen 1916 gestoppt.

Einen guten Einblick in das Hofheimer Alltagsleben im Ersten Weltkrieg geben die Briefe, die Grete Wittgen ihrem Mann, dem Heimatdichter Theodor Wittgen, an die Front schrieb. „Hier sterben so viele Leute“, heißt es da am 19. Januar 1918. „Heute stehen wieder vier Todesanzeigen drin. Die Frau Pfarrer kennt man fast nicht wieder.

Der Arzt konstatiert, dass ihre Krankheit von Unterernährung begleitet wäre.“ Die Antworten, die sie von der Front bekam, sind vergleichsweise lapidar. „Heute morgen aufgestanden, 6.30 Uhr Kaffee getrunken, dir eine Karte geschrieben, mit der Kompanie abgerückt“, schreibt Theodor Wittgen. Auf seinen Briefen prangt der Stempel „Post kontrolliert.“

Hunderte von Feldpostkarten gingen auch an andere Hofheimer Empfänger. Sie zeigen zerstörte Dörfer und Städte, aber auch Fotos von Soldaten, die im Schützengraben Skat spielen oder Karikaturen, die den Kriegsalltag auf die Schippe nehmen. Viele der handschriftlichen Mittelungen zeugen außerdem von einer gehörigen Portion Galgenhumor: „Schöne Grüße aus der Sommerfrische in Flandern“ sandte etwa Josef Pabst, der an der Front fast komplett verschüttet gewesen war. Ein anderer schrieb an seinen Freund in Hofheim: „Ich liege hier im Lazarett, habe einen Kopfschuss, sonst noch alles klar.“

Dass die Empfänger solcher Nachrichten in der Heimat beunruhigt waren, versteht sich. „Froh werden kann man ja nicht mit dem Gedanken an euch da draußen“, schreibt Grete Wittgen am Weihnachtsmorgen 1916 an ihren Mann. Zwischenzeitlich hatte sich auch in Hofheim die Verpflegungssituation verschärft. Nach Hamsterkäufen ließ die Stadt Lebensmittel beschlagnahmen und über den neu gegründeten Vaterländischen Frauenverein Rationierungsmarken ausgeben.

Für die Daheimgebliebenen wurde es dadurch schwerer, „Liebesgaben“ an die Front zu schicken: Pakete mit Essen, Tabak, Winterbekleidung und Selbstgestricktem, die die Soldaten bei Laune halten sollten. Manch ein Soldat schickte jetzt selbst Pakete in die Heimat. Beispielsweise Theodor Wittgen, der seiner Familie Käse und Wurst von der Front zukommen ließ.

Auf 15 Texttafeln gibt Roswitha Schlecker ausführliche Hintergrundinformationen. So auch zu den drei Lazaretten, die in Hofheim eingerichtet waren – im Marienheim am heutigen Krankenhaus, im Kinderheim Georgi an der Straße nach Langenhain und in der Lorsbacher Lederfabrik von Carl Deninger, der selbst für die Kosten aufkam.

Als in Deutschland mit der Unterzeichnung des Waffenstillstands am 11. November 1918 der Krieg zu Ende war, wurde Hofheim von französische Truppen besetzt. Wer damals in Frankfurt arbeitete, musste täglich scharfe Grenzkontrollen über sich ergehen lassen. Schmuggel und Schiebereien waren an der Tagesordnung. Als Teil der Weimarer Republik konnte sich Hofheim erst fühlen, als im Juli 1930 die Besatzung offiziell beendet war.

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare