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Mülltonne wird zur Kunst

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Von: Andrea Rost

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Die Putzfrau stopfte einen Teil des Kunstwerkes in die Tonne.
Die Putzfrau stopfte einen Teil des Kunstwerkes in die Tonne. © Romana Menze-Kuhn

Eine Putzfrau ruiniert eine Installation zum Thema Flucht, indem sie Folie in eine Mülltonne stopft. Künstlerin Romana Menze-Kuhn integriert die Mülltonne nun in ihre Arbeit.

Eine schwarze Mülltonne steht vor dem Altar der evangelischen Philippuskirche in Mannheim. Hineingestopft sind zerknitterte goldene Rettungsfolien, wie sie in jedem Erste-Hilfe-Kasten zu finden sind. Romana Menze-Kuhn hat die Tonne mitsamt Inhalt in die Kirche gestellt. Nicht ganz freiwillig, sondern notgedrungen. Denn die Installation „Behausung 6/2016“ der Eschborner Künstlerin, die seit Mitte Januar in der Kirche ausgestellt war, ist zerstört. Das Kunstwerk aus Europa-Paletten und zerknitterten Rettungsfolien, das das Thema Flucht thematisieren, Fragen nach Heimat, Geborgenheit und Sicherheit stellen sollte, fiel vor kurzem dem Übereifer einer Putzfrau zum Opfer.

Menze-Kuhn hatte die Objekte zentral im Altarraum angeordnet, die Kirchenbänke extra zur Seite geschoben, um Platz zu schaffen für ihre Arbeit. Die zerknitterten Rettungsfolien waren so geformt und auf den Boden geklebt, dass sie kriechenden Menschen glichen; aus einer Europapalette, auf der üblicherweise Güter nach festgelegten Normen transportiert werden und aus einer der Wärmedecken war eine Höhle als Unterschlupf entstanden.

Der Putzfrau, die regelmäßig in der Kirche sauber macht, konnte mit all dem offenbar nichts anfangen. Die Frage „Ist das Kunst oder kann das weg?“ kam ihr erst gar nicht in den Sinn. Sie räumte gründlich auf vor dem Altar, riss die goldenen Folien vom Boden ab und stopfte sie kurzerhand in eine Mülltonne.

Dass just die Teile ihrer Installation, die „Menschen symbolisierten, die Schutz suchen in der Behausung und auch im Altarraum der Kirche“ auf diese Weise entsorgt wurden, habe sie sprachlos gemacht, sagte Menze-Kuhn der FR. „Es muss ja nicht jeder etwas von Kunst verstehen, aber dass man einfach so Hand anlegt und eine Installation zerstört, ist schon ausgesprochen respektlos“, empört sich die Eschbornerin. Das ursprüngliche Kunstwerk zu reparieren und es wieder aufzustellen, kam für Romana Menze-Kuhn allerdings nicht in Frage. Sie entschied sich für Veränderung und baute die Tonne mit den abgerissenen Schutzfolien in ihr neues Werk mit ein.

Die Installation, die noch bis Ende der Woche in Mannheim zu sehen ist, heißt jetzt „Behausung 6a/2016“. Das Kunstwerk habe damit eine neue Bedeutung bekommen, sagt Romana Menze-Kuhn. „Die wie Körper geformten Skulpturen, die vor, hinter und auf der Treppe zum Altar lagen, sind in der Mülltonne entsorgt worden. Das verändert auch die inhaltliche Aussage meiner Arbeit radikal.“

Seitdem Zeitungen deutschlandweit über ihr von der Putzfrau zerstörtes Kunstwerk berichteten, kämen deutlich mehr Besucher, um die Installation in der Philippuskirche anzusehen, berichtet Menze-Kuhn. „Ich werde überall auf den Vorfall angesprochen.“ Sogar aus Schweden und Spanien habe sie Post bekommen, erzählt die Eschbornerin.

Zu sehen ist die Installation „Behausung 6a/2016“ von Romana Menze-Kuhn in der Mannheimer Philippuskirche noch bis Sonntag, 14. Februar. Den Abschluss bildet ein Art-Gottesdienst mit der Künstlerin. Beginn ist um 17 Uhr.

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