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Erntehelfer im Tunnel: Die Erdbeersaison 2019 ist mit der frühen Sorte „Clery“ eröffnet

Hofheim

Die moderne Erdbeere hängt am Tropf

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An den Erdbeermeilen in Hofheim schießen die Verkaufsstände wie Pilze.

Die frühe Erdbeere ist eine Tunnelpflanze. Und hängt am Tropf, damit sie Mitte April schon in großen Mengen auf den Markt geworfen werden kann. Die sogenannten Sonnentunnel zieren das „Ländchen“, wie die Gegend um den Hofheimer Ortsteil Wallau genannt wird, sie wachsen inzwischen immer häufiger entlang der „Erdbeermeilen“ im Main-Taunus-Kreis.

Unter dem schützenden Dach der Planen reift dort schon seit Wochen die Früherdbeere der Sorte „Clery“; das Dach hat die im Herbst gesetzten zarten Pflänzchen vor strengen Winterfrösten geschützt.

Andreas Klein vom Hessischen Landesverband für Erwerbsobstbau hält sich mit Prognosen zurück, „ein Prophet“ möchte er nicht sein. Weil er weiß, dass der Frost noch einmal zurückkommen soll am Wochenende und dass es viele Unwägbarkeiten gibt, die alles durcheinanderwirbeln können.

Wie der „Mega-Sommer 2018“ mit seiner Hitze und Trockenheit, in dem die Erdbeerbauern an ihre „Leistungskapazität“ gestoßen seien. Und jetzt die Stürme im Frühjahr, die Schäden hinterlassen haben. Aber: „Momentan geht’s der Erdbeere sehr, sehr gut“; nach der Ostersonne sehen die Pflanzer einen „perfekten Kulturstand“.

Das freut die Fachwelt und all die anderen, die zur Eröffnung der Erdbeersaison mit Hessens Landwirtschaftsministerin Priska Hinz auf den Acker von Landwirt Reiner Paul gekommen sind. Dicke rote Früchte in zig Schalen und Körben zieren den Festtunnel, Erdbeeren satt für die vielen Gäste. Als Höhepunkt werden zwei riesige Erdbeertorten in Form des Hessenlöwen angeschnitten. Die erste offizielle Erdbeere im Tunnel durfte die Ministerin ernten.

Rotes von Pauls Bauernhof in Wallau. Da läuft Erdbeerfans das Wasser im Mund zusammen.

So dicke Erdbeeren Anfang Mai? Kein Zauberwerk, eher technisches Kalkül vereint mit jeder Menge pflanzenbiologischen Erkenntnissen über das Leben und Gedeihen von Fragaria aus der Familie der Rosengewächse. Die Tropf-Schlauch-Bewässerung macht es möglich, rund 150 Kilometer Tropfschlauch hat Bauer Paul auf seinen Feldern bisher verlegen lassen. 

Die Erdbeerpflanzen wachsen in Lößlehmboden auf Foliendämmen, der Tropfschlauch verläuft 15 Zentimeter unter der Erdoberfläche und kann so die zarten Wurzeln gezielt mit Wasser und Pflanzennährstoffen versorgen. Ein System, das auch im trockenen Sommer passt, entwickelt wurde es einst für die kargen Wüstenböden Israels.

Viele Tunnel, große Tunnel, breit und lang, so weit das Auge reicht. Am Anfang der Bahnen wächst Lobularia Maritima, das Silberkraut, das die Entwicklung der Schwebfliege fördert, die wiederum die Erdbeere vor Blattläusen schützt. „Gutes aus Hessen“ soll auf den Tisch kommen, Erdbeeren mit geprüfter Qualität. Angesichts der Klima-Kapriolen kündigt die Ministerin ein Förderprogramm für Beregnungs- und Frostschutzanlagen an.

Die hessische Erdbeerkönigin Nicole I. (aus Darmstadt) lobt schon jetzt den „unheimlich leckeren, fruchtig-süßen Geschmack“ der Erdbeeren aus dem Main-Taunus-Kreis. Was den Unterschied zu anderen Erdbeeren ausmache, wird sie von einem TV-Reporter gefragt: „Die Liebe, mit der sie angebaut wird.“

Das passiert nicht nur in Wallau und der selbsternannten Obstbaugemeinde Kriftel, sondern auch in Hofheim, Hochheim, Flörsheim, Hattersheim und Schwalbach. „Erdbeermeile“ nennen sie hier die Landesstraße 3011 zwischen Hattersheim und Kriftel und die Landesstraße 3018 zwischen Frankfurt-Zeilsheim und Hofheim. Dort stehen die Verkaufsstände, die jetzt einer nach dem anderen öffnen, direkt an den Feldern.

Hmmm: Hessens Erdbeerkönigin Nicole I. in Wallau zu Gast.

Die süßen roten Früchte kommen also ganz frisch zu den Kundinnen und Kunden. Müssen nur 500 Meter zurücklegen statt 2000 Kilometer wie die Kollegen aus Südspanien und Nordafrika. Die Erdbeerbauern im Landkreis vermarkten so den Großteil ihrer Ernte. Kurze Wege vom Acker zum Kunden, transparente Produktion, der Verkauf saisonaler regionaler Produkte an die Menschen vor Ort, die Stärkung der hessischen Landwirtschaft, so lautet das positive Mantra im Erdbeertunnel. „Ein Leben ohne hessische Erdbeeren ist möglich, aber sinnlos“, steht auf vielen T-Shirts.

Und wer’s wissen will, die Ministerin mag sie am liebsten mit Vanilleeis und einem Klacks Sahne, die Erdbeerkönigin schälchenweise pur oder mit „einem bisschen Sahne“.

Erdbeeren in Zahlen

Großbauer Reiner Paul bewirtschaftet 35 Hektar Land mit Erdbeeren. Jeder Hektar soll mindestens acht Tonnen Früchte abwerfen, damit sich die Arbeit rentiert. Was bisher geerntet wurde, ist ausschließlich im Sonnentunnel gereift.

Mit 4,90 Euro für das Pfund Erdbeeren haben die Damen am Verkaufsstand von „Paul’s Bauernhof“ in Hofheim-Wallau vor knapp zehn Tagen begonnen.

Bei der offiziellen Eröffnung der neuen hessischen Erdbeersaison am gestrigen Donnerstag auf den Äckern von Bauer Reiner Paul waren es noch 4,20 Euro, zwei Schälchen gingen für zusammen acht Euro über den Tresen.

Je mehr in den folgenden Wochen geerntet werden, desto billiger werden die roten Früchtchen. Der Preis werde nach und nach fallen, heißt es in der Branche, schon bald soll eine „3“ vor dem Komma stehen. Offizielle Absprachen gibt es nicht, aber in der Branche hat man einander genau im Auge.

In Hessen bauen 172 Betriebe auf einer Fläche von insgesamt etwa 1207 Hektar Erdbeeren an, heißt es beim Hessischen Landesverband für Erwerbsobstbau.

Im vorigen Jahr wurden in Hessen insgesamt knapp 788 Tonnen Erdbeeren geerntet.

Für Erdbeerfreunde unter den Verbrauchern wird es etwa ab Mitte Mai interessant, wenn das beliebte Obst im Freiland auf zahlreichen Flächen selbst gepflückt werden kann. Dann fallen die Lohnkosten weg, die Erdbeeren kosten je nach Anbieter meist nur noch zwischen 2 Euro und 2,20 Euro. Für das Kilo! (jüs)

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