Bachbett4_100920
+
Drei Wochen nachdem er Hochwasser geführt hat, ist der Liederbach wieder vollkommen ausgetrocknet.

Liederbach

Liederbach soll wieder mäandern können

  • Andrea Rost
    vonAndrea Rost
    schließen

Der Naturschutzbeirat des Main-Taunus-Kreises appelliert an die Kommunen, die Renaturierung des Bachbettes zwischen Königstein und Frankfurt in Angriff zu nehmen. Große Überschwemmungen wie Mitte August könnten so künftig vermieden werden.

Vor knapp drei Wochen führte der Liederbach Hochwasser. Nach einem Starkregen im Taunus trat er über die Ufer seines künstlich geschaffenen Bettes und überschwemmte ganze Straßenzüge in Kelkheim und Bad Soden. Auch in Liederbach liefen ein Dutzend Keller voll.

Mittlerweile ist das Bachbett wieder staubtrocken. „Normal ist das nicht“, sagt Reinhold Habicht, der vor seiner Pensionierung als Diplomingenieur für Wasserwirtschaft gearbeitet hat und sich im Naturschutzbeirat des Main-Taunus-Kreises engagiert. Leben gebe es keines mehr im Liederbach, seitdem die Kläranlage oberhalb von Schneidhain geschlossen wurde und Abwässer in Rohren direkt in die Sindlinger Kläranlage zur Reinigung transportiert werde, erläutert der Experte.

Rasend schnell ins Tal

Dem Liederbach, der aus dem Zusammenfluss von Woogbach und Rombach in der Höhe des Königsteiner Freibads entsteht, fehle gerade bei großer Trockenheit schlicht und einfach der Wassernachschub, weiß Habicht. Und wenn es so stark regnet wie Mitte August, stürze das Wasser über das regulierte und mit Basaltblöcken aus dem Steinbruch ausgekleidete Bachbett rasend schnell ins Tal. Überschwemmungen seien vor allem am unteren Bachlauf programmiert.

„Der Bach kann dann nirgendwohin ausweichen, es gibt keine Überschwemmungsflächen, auf die das Wasser fließen kann, um zu versickern. Die meisten Flächen am Ufer wurden nach und nach versiegelt“, bedauert Hans Joachim Menius, der Vorsitzende des Naturschutzbeirats des Landkreises. Nach Auskunft der Unteren Wasserbehörde lägen schon längere Zeit Pläne für eine Renaturierung des Liederbachs vor, berichtete Menius bei einem Ortstermin für die Presse. Er ist überzeugt: Würden sie umgesetzt, könnte zumindest das Hochwasser in seinem jetzigen Ausmaß erheblich gemindert werden.

Das Programm

100 hessische Bäche sollen modellhaft renaturiert werden. Das sieht der Koalitionsvereinbarung zwischen CDU und Grünen vor. Die Wiederherstellung der Bäche als naturnaher Lebensraum soll als Vorbild bei der Umsetzung der Wasserrahmenrichtlinie (WRRL) für viele andere Gewässer im Land dienen. Die Hessische Landgesellschaft kümmert sich um Projektsteuerung und -planung, Flächenmanagement und die organisatorische Abwicklung vom Förderantrag bis zur Bauabnahme. Die Kommunen werden bei den Gewässerrenaturierungen unterstützt. Für die Arbeiten können Fördergelder in Höhe von bis zu 95 Prozent der Kosten beantragt werden. Im Main-Taunus-Kreis wurden der Weilbach und der Liederbach in das Landesprogramm „100 wilde Bäche“ aufgenommen.

Eine Chance, den Liederbach zu renaturieren und die Situation deutlich zu verbessern, sehen Reinhold Habicht und Hans Joachim Menius im Landesprogramm „100 wilde Bäche“. Der Liederbach ist neben dem Weilbach der einzige Bach im Main-Taunus-Kreis, der in das Programm aufgenommen wurde. Die Arbeiten zur Renaturierung könnte zu 95 Prozent das Land Hessen übernehmen. Die Hessische Landgesellschaft würde sich unter anderem um den Aufkauf von Grundstücken kümmern, um das Bachbett zu verbreitern, den Liederbach mäandern zu lassen und Überschwemmungsflächen zu schaffen. Bislang hätten sich die Stadt Bad Soden und die Gemeinde Liederbach, auf deren Gemarkung die Renaturierung unter anderem stattfinden müsste, jedoch nicht für das Landesprogramm gemeldet, bedauert Menius. „Das wäre dringend nötig.“

Interesse am Landesprogramm müsste seiner Meinung nach auch die Stadt Frankfurt haben. Beim jüngsten Hochwasser habe der Stadtteil Unterliederbach unter Wasser gestanden, „ohne dass dort ein Tropfen Regen gefallen ist“.

Königstein, am Oberlauf des Liederbaches gelegen, sei dem Landesprogramm bereits beigetreten. Die Renaturierung des Liederbachs sei für den Hochwasserschutz aber nur wirksam, wenn der gesamte Bachlauf in den Blick genommen werde, erklärt Reinhold Habicht. Nicht umsonst sehe das „100 wilde Bäche“-Programm die Renaturierung der Gewässer von der Quelle bis zur Mündung vor.

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare