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Zwei Heimaten in 150 Jahren

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Büromöbelhersteller Vario hat Jubiläum, Dichmann in Kelkheim war Keimzelle

Liederbach - Thomas Linden ist im Kelkheimer Kloster geboren. Patenonkel und -tante waren bei der Schreinerei Dichmann im Herzen der Möbelstadt beschäftigt. Sie machten ihm dort einen Beruf schmackhaft. So bewarb sich der junge Mann als Industriemechaniker, wurde genommen. 41 Jahre ist das her - Linden ist noch im Unternehmen. Nur heißt es inzwischen Vario, ist Büromöbelhersteller und hat seinen Sitz in Liederbach. Inzwischen ist er fürs Gebäude zuständig, hat vom 1. November 2003 bis zum 13. Januar 2004 den Umzug der kompletten Firma gemanagt. „Da gab es kein Weihnachten und Silvester, da habe ich komplett durchgearbeitet.“

Es gibt noch zwei treuere Kollegen, die 45 und 43 Jahre dabei sind. Sie haben fast ein Drittel des Unternehmens miterlebt, das vor 150 Jahren von Wilhelm Dichmann in Kelkheim gegründet wurde und dessen Jubiläum morgen gefeiert wird. Es „fällt bezeichnenderweise in eine Zeit, in der sich die Arbeitswelt wahrscheinlich stärker und schneller verändert denn je“, sagen die Geschäftsführer Matthias Kurreck und Anton Flechtner. Vario wolle dabei „Impulsgeber“ sein, auch jungen Gestaltern auf Augenhöhe begegnen - wie beim selbst ausgerufenen Design-Wettbewerb für Studenten der Architektur und Innenarchitektur. Dieser Idee treu bleibend, „möchte Vario sein Jubiläumsjahr nicht damit verbringen, in Archiven zu stöbern, Geschichte aufzuarbeiten und sie zu inszenieren“, hieß es bereits Anfang 2022. Das Unternehmen wolle „den Blick in die Zukunft und auf den Nachwuchs der Branche richten“. So gibt es die „jungen Wilden“, Nachwuchs-Mitarbeiter, die sich treffen, eigene Projekte vorantreiben. Vario ist Ausbilder für vier Berufe, ein Dutzend junger Menschen, „um einmal mit derselben Liebe ihren Beruf auszuüben wie einst der Wurzelbürstler aus Kelkheim“.

AM SAMSTAG OFFENE TÜREN FIRMENGESCHICHTE

Zum 150. Geburtstag öffnet die Firma Vario Büroeinrichtungen, an der Rossertstraße 6, am Samstag, 17. September, ab 10 Uhr ihre Türen für interessierte Besucher. Die Gäste können zwischen 10.30 und 13 Uhr an Führungen teilnehmen und dabei auch einen Blick in die Produktion werfen.

Danach gibt es ein Programm mit Heartbeat-Trommeln, Verlosungsaktion für eine Liederbacher Kita, Wrestling- Show und um 16 Uhr Livemusik mit der Combo „2in1“. Kinderhüpfburg, Luftballonaktionen, ein Feuerwehrauto, eine Imkerei runden das ab. Der Erlös ist für den guten Zweck. wein

1872 macht sich Wilhelm Dichmann als Bürstenmacher selbstständig und erwirbt eine Sägemühle in Kelkheim. Er wird Zulieferer für Bau- und Möbelschreiner. 1911 stellt die Gebrüder Dichmann AG Büromöbel her.

Mit dem Programm „Vario“ wird 1954 der Firmenname geboren, den der Betrieb 1972 annimmt. Das Furnierwerk schließt wegen eines Brandes und sinkender Nachfrage, Dichmann verkauft kurz darauf 1982 an die Skandinavisk Holding. 2003/2004 folgt dann der Umzug nach Liederbach. 2005 übernehmen Hellmut Kachel und Agnes Tistler-Kachel, Vario wird wieder Familienbetrieb. Nach ihrem Tod 2014 steigen Matthias Kurreck und Anton Flechtner als Chefs ein. wein

„Die Varioaner sind schon ein selbstbewusstes Völkchen, das möchten wir weiterführen“, sagt Kurreck zu den knapp 100 Mitarbeitern. Natürlich habe die Pandemie den Betrieb vor neue Herausforderungen gestellt, so Flechtner. Neue Arbeitsplätze einrichten, wenn Kollegen im Homeoffice sind, war schwierig. Längst wandele sich der Bedarf hin zu offenen Treffpunkten in den Firmen, zu weniger Regalflächen, zu von mehreren Mitarbeitern nutzbaren Plätzen.

Auch bewegt sich Vario neben der Herstellung in anderen Segmenten, etwa der Gestaltung und Planung. Mit Dienstleistungen wie Umzügen und Fremdfertigung für andere Firmen wollen sie sich breit aufstellen in einem umkämpften Markt. „Wir sehen uns als Holzbearbeiter“, sagt Kurreck und betont: „Der Mittelstand trägt Deutschland.“ Hier würde er sich vom Bund „weniger Regularien“, mehr Freiheiten wünschen. Im Liederbacher Betrieb gebe es sehr flache Hierarchien. Beim Jahresumsatz ist Stabilität von rund 25 Millionen im Blick. „Da fühlen wir uns wohl, das ist das Ziel“, so Kurreck. Vor Corona waren es zwei, drei Millionen weniger. Nachhaltigkeit hat sich der Betrieb auf die Fahne geschrieben, mit einem Teich und Bienenvölkern vor dem Haus. In der Region fühle sich Vario wohl, mit der Gemeinde stimme die Chemie - so wurden zuletzt für den Rathaus-Ausbau Möbel übergeben. Kurreck selbst unterstützt die Fastnacht in Kelkheim und sagt: „Wir wären ja in Kelkheim geblieben, wenn es die Lokalitäten hergegeben hätten.“ Hier in Liederbach sei Potenzial für Erweiterungen. Doch geht der Blick und der Dank immer mal zurück zu Bürstenmacher Dichmann, der die Keimzelle einer stets besonderen Firma war.

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