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Kunstworkshop in der Villa Luce. 

Main-Taunus

Lebenshilfe Main-Taunus kämpft um Geld und Personal

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Der neue  Geschäftsführer der Lebenshilfe Main-Taunus will in Wohnheimen umstrukturieren. Eltern holen die Heimaufsicht zu Hilfe.

Es sei keine einfache Situation, in der sich die Lebenshilfe Main-Taunus aktuell befinde, räumt Geschäftsführer Wolfgang Rhein ein. In den fünf Wohnheimen des Vereins leben 114 vor allem geistig behinderte Frauen und Männer. Viele von ihnen sind bereits älter und haben einen entsprechend hohen Betreuungsbedarf. „Wir müssen aktuell Leistungsentgelte neu verhandeln, weil sie nicht mehr den tatsächlichen Gegebenheiten entsprechen“, sagt Rhein. Allein für die Villa Luce in Eschborn gehe es dabei um rund 100 000 Euro im Jahr. Das für die Betreuung der Bewohner benötigte Fachpersonal zu bekommen, sei allerdings schwierig. „Der Markt ist leergefegt, und übertariflich zahlen können wir nicht“, sagt Wolfgang Rhein.

Ein weiteres Problem stellt seinen Angaben zufolge die bauliche Struktur der Wohnhäuser in Eschborn, Kelkheim und Flörsheim dar. Es sind zum Teil alte Gebäude, die weder barrierefrei geplant wurden, noch Räume bieten, in denen sich Bewohner, die aufgrund ihres Alters nicht mehr in die Werkstätten gehen, tagsüber aufhalten können. „Da müsste viel nachgebessert werden.“

Wolfgang Rhein kennt die Situation, wie sie aktuell die Lebenshilfe Main-Taunus erlebt, nur zu gut. Sie treffe aktuell viele Behinderteneinrichtungen, sagt der langjährige Geschäftsführer der Praunheimer Werkstätten in Frankfurt, der sich eigentlich schon in den Ruhestand verabschiedet hatte. Im März 2019 wurde der 68-Jährige jedoch noch einmal mit der Geschäftsführung der Lebenshilfe Main-Taunus beauftragt. Die finanzielle Situation drohte dort aus dem Ruder zu laufen.

Gegründet wurde die Lebenshilfe Main-Taunus im Jahr 1967. Heute hat der Verein 500 Mitglieder und unterstützt mehr als 500 Menschen mit Behinderung sowie deren Familien.

Das Angebot der Lebenshilfe umfasst die Frühförderung, den Familienunterstützenden Dienst, die Beratungsstelle Stark, die Beratungsstelle Wohnen und den Treffpunkt Leichte Sprache.

Im Wohnverbund mit fünf Wohnhäusern, betreuten WGs und dem betreuten Einzelwohnen leben mehr als 140 Menschen mit vorwiegend geistiger Behinderung. aro

„Wir haben die Notbremse gezogen“, bestätigt die Vereinsvorsitzende Jenny Hillebrandt, die seit Februar dieses Jahres im Amt ist. Und Wolfgang Rhein liefert eine Erklärung, wieso in der Vergangenheit nicht längst auf die sich abzeichnende schwierige Finanzlage reagiert wurde: „Die Lebenshilfe ist in den vergangenen 50 Jahren ständig gewachsen, die Verwaltungsstrukturen sind aber nicht mitgewachsen. Da ist irgendwann die Übersicht abhanden gekommen.“

Gemeinsam versuchen Rhein und Hillebrandt jetzt gegenzusteuern. Dabei fallen auch Entscheidungen, die nicht allen Eltern und Betreuern der Heimbewohner gefallen. Protest kommt vor allem aus der Eschborner Villa Luce, in der 20 Menschen leben. Mitarbeiter hätten dort aufgrund der hohen Arbeitsbelastung gekündigt, 24-Stunden-Dienste würden verlangt, heißt es. Weil Personal aus dem nebenan gelegenen Lebenshilfe-Wohnhaus Trappen immer wieder aushelfen müsse, seien Privatheit und Sensibilität bei der Pflege der Bewohner praktisch aufgehoben, beklagt Edgar Welsch, der die Villa Luce früher geleitet hat und jetzt zwei Bewohnerinnen als gesetzlicher Betreuer vertritt. „Das ist Anstaltsniveau, Empathie geht den Verantwortlichen vollkommen ab.“

Wolfgang Rhein räumte im Gespräch mit der FR ein, dass die Villa Luce und das Haus Trappen organisatorisch „zusammenwachsen“ sollen, Personal sich gegenseitig vertreten, eine gemeinsame Rufbereitschaft eingerichtet werden solle. Das sei die einzige Möglichkeit, die beiden relativ kleinen Wohnheime langfristig erhalten zu können. Dass im Haus Trappen deutlich mehr Personal zur Verfügung stehe als in der Villa Luce begründet Rhein mit dem intensiven Pflegebedarf, der fast allen Bewohnern dort attestiert worden sei.

Ein Erfolg bei der Suche nach neuen Finanzmitteln konnte vor kurzem immerhin erzielt werden. Nach Gesprächen mit der Heimaufsicht, die die Eltern der Villa-Luce-Bewohner schon mehrfach zu Hilfe gerufen haben, steht fest, dass der Landeswohlfahrtsverband eine Nachtwache bezahlt und der Tagdienst damit entlastet wird. Personal dafür muss allerdings noch gefunden werden.

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