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Von Kurfremden und Krebsen aus dem Lorsbach

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Bis vor gut 100 Jahren blühte der Tourismus in Eppstein. Vor allem die Eisenbahn machte den Ort als Ausflugsziel beliebt.

Immerhin 13 Gasthäuser hatte Eppstein zur Blütezeit des Ausflugstourismus um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert. Nicht jedes davon hat eine so bewegte Geschichte wie die Ölmühle. "Die Ölmühle war ein beliebter Treffpunkt für Ausflügler aus Mainz, Wiesbaden und Frankfurt", weiß Stadtarchivar Bertold Picard. Für den Samstag hatte er zu einem Spaziergang eingeladen, der zu den ehemaligen und noch bestehenden Gasthäusern des Ortes führte. 1661 wurde die Ölmühle als Lohmühle gebaut, in der Gerbmittel produziert wurde, später verarbeitete man dort unter anderem Sandelholz. Im Ersten Weltkrieg diente das Gebäude als Lazarett, in den 1920er Jahren als Kugellagerfabrik. 1818, als es in dem Haus eine Sommerwirtschaft gab, äußerte sich ein Zeitgenosse, Anton Kirchner, lobend über die Ölmühle. Sie sei von ihrem Besitzer "durch passende Nebengebäude erweitert und mit erfrischenden Mineralbädern versehen" worden: "Außer dem guten Niersteiner, der hier perlt, liefert der Bach wohlschmeckende Forellen und Krebse, der Forst kühlende Beeren."

Vor allem nach dem Bau der Eisenbahnlinie von Höchst nach Limburg im Jahr 1877 strömten Tagesgäste und Urlauber nach Eppstein, das in der Folge einen wahren Tourismus-Boom erlebte. "Kurfremde" - so nannte man die Besucher damals, auch wenn es in der Burgstadt, wie Picard betont, "nichts zu kuren gab". Irgendwann vor dem Zweiten Weltkrieg hatte sogar ein Wünschelrutengänger erfolglos nach heilkräftigen Quellen gesucht. Der Beliebtheit Eppsteins, gegen dessen kunstlose Haine nach dem Urteil Kirchners "alle Gartenkunst der Briten und Franzosen" verblasse, tat das keinen Abbruch. Bis zu 3000 Erholungssuchende aus den naheliegenden Städten tummelten sich Anfang des 20. Jahrhunderts an schönen Sonntagen in und um Eppstein, um in der Natur zu wandern und danach in einem der Gasthäuser einzukehren. Da wundert es nicht, dass sich manche Wirtsfamilie eine goldene Nase verdiente. Zur Führung hatte Bertolt Picard ein altes Kerbholz mitgebracht, in das die Schulden der Stammgäste eingeritzt wurden. Oftmals bezahlten die Schuldner dann mit einem Stück Land, was den beträchtlichen Grundbesitz der Wirte erklärt. (jöh)

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