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Mit dem Künstler im Zelt

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In Kai Wolfs Zelt regnet es.
In Kai Wolfs Zelt regnet es. © Rolf Oeser

Okriftel In der Fabrik „draußen“ übernachten / Aktionsausstellung bezieht Besucher ein

Von Jöran Harders

Wie in einer typischen Galerie sollte es in der ehemaligen Papierfabrik Phrix in Okriftel am Wochenende auf keinen Fall aussehen. „Natürlich hätten wir einfach Bilder an weiße Wände hängen können, wie man das bei einer Kunstausstellung normalerweise macht“, sagt Kai Wolf. Wolf gehört zu einer Gruppe von Künstlern, die eine Etage der alten Fabrik als Ateliers nutzen. Ganz bewusst hat sich die Phrix-Künstlergemeinschaft bei ihrer jüngsten Ausstellung aber für eine ganz andere Form der Präsentation entschieden.

„Für uns ist Kunst Alltag“, stellt Wolf fest. Genau diesen Alltag wollten die zwölf an der Schau beteiligten Künstler für die Besucher erlebbar machen. Der Bildhauer Georg Scheele, der abwechselnd in Hofheim und Portugal lebt und arbeitet, hatte deshalb gleich seine komplette Ateliereinrichtung mitgebracht ? mitsamt dem Staub, der entsteht, wenn er aus zentnerschweren Marmorblöcken seine filigranen, spiralförmig gewundenen Skulpturen herausmeißelt.

Bei der Arbeit zusehen konnte man Lara Mouvée, die während der Ausstellung das Relief eines männlichen Körpers aus Ton formte. Sie zeigte außerdem auf Acryl gemalte transparente Bilder, deren Lichtdurchlässigkeit die unbestimmte Grenze zwischen Innenraum und Außenraum symbolisieren soll.

Die Aufhebung dieser Grenze und die Umkehrung der beiden Gegensätze in ihr Gegenteil war ein Hauptthema der Ausstellung mit dem programmatischen Titel „Zelt oder nicht Zelt?“. In den Fabrikräumen hatten die Phrix-Künstler Zelte aufgebaut, um, so Wolf, „eine lockere Campingplatz-Atmosphäre zu schaffen“. Ausdrücklich waren die Ausstellungsbesucher eingeladen, sich dort mit den Künstlern gemütlich einzurichten, auf dem Gaskocher erhitzte Dosenravioli zu verzehren und die Nacht im Schlafsack zu verbringen.

Für tropische Atmosphäre sollte dabei eine „Raum-Licht-Klang-Installation“ von Frank Wolf sorgen: Zu den Geräuschen von summenden Moskitos wurden Filme von schlüpfenden Mücken auf ein Moskitonetz projiziert. Corinna Zürcher und Martin Böttcher hatten sich von eigenen Camping-Erlebnissen inspirieren lassen und ein Zelt von innen mit Aktfotos bedruckt.

„Meine ersten sexuellen und körperlichen Erfahrungen als Jugendlicher verbinde ich mit der Enge eines Zeltes“, erzählt Böttcher. Während man in einige der Künstlerzelte hineinkriechen musste, um beispielsweise Bilder im Inneren zu betrachten, wurde in anderen das Verhältnis von innen und außen noch einmal umgekehrt. Julia Englert hatte in ihrem Zelt einen Miniaturdschungel angelegt und in Kai Wolfs Zelt regnete es sogar. Die Ateliers der meisten Phrix-Künstler waren während der 24-stündigen Ausstellung geöffnet.

„Die meisten Menschen haben eine gewisse Ehrfurcht vor der Kunst“, meint der Maler Marten Großefeld. Mit Aktionen wie „Zelt oder nicht Zelt?“ solle die Kunst vom Sockel gestoßen und der Künstler „als lebender Mensch gezeigt“ werden.

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