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Die Erdbeerernte in Kriftel hat begonnen.

Kriftel

Erdbeerbauern im Main-Taunus ringen mit der Bürokratie

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Auf den Feldern in Hofheim und Kriftel fehlen die Erntehelfer. Die Kunden die Erdbeeren selber pflücken lassen ist trotzdem keine Alternative für die Landwirte.

Berthold Heil nimmt kein Blatt vor den Mund. Die Situation sei desolat, sagt der Krifteler Obstbauer. Üblicherweise habe er ein Dutzend ausländischer Helfer für die Erdbeerernte. Aktuell seien gerade einmal zwei Polen auf seinem Hof. „Die übrigen haben abgesagt, weil sie in Corona-Zeiten nicht nach Deutschland kommen wollten.“

Heil überlegte, rumänische Helfer einfliegen zu lassen, verwarf die Idee aber schnell wieder. „Der bürokratische Aufwand ist viel zu groß. Das schaffen wir als kleiner Familienbetrieb nicht“, sagt er.

Der Krifteler Landwirt bekommt Unterstützung von einer Familie aus Eschborn, und das Jobcenter hat ihm drei Männer aus Afghanistan geschickt. Ersetzen können sie die erfahrenen Pflücker aus Osteuropa nicht. „Wir ernten, was geht“, sagt Heil. „Aber einiges an Erdbeeren wird am Ende wohl hängen bleiben.“ Seine Felder Richtung Zeilsheim und auf dem Hofheimer Hochfeld einfach zum Selbstpflücken für Kunden freigeben, will Heil trotzdem nicht. „Das muss gut vorbereitet sein, sonst gehen dabei die Bewässerungsleitungen kaputt, die in den Felder liegen, und faule Früchte bleiben am Boden zurück und stecken andere Pflanzen an.“

Am nächsten Wochenende wird die Erdbeerernte in Kriftel und Hofheim so richtig losgehen. Frostnächte hätten die Reifung der roten Früchte verzögert, erzählt der Hofheimer Ortslandwirt Jürgen Pauly. Entlang der Erdbeermeilen an der Alten Elisabethenstraße und gegenüber dem Krifteler Gewerbegebiet an der Landesstraße 3011 werden dann die Stände der Obstbauern aufgebaut. Der Auftaktpreis pro 500-Gramm-Schale wird voraussichtlich bei 3,80 Euro liegen.

Jürgen Pauly wünscht sich, dass bei den frisch vom Feld gepflückten Früchten nicht über den Preis diskutiert wird. In Corona-Zeiten sei ohnehin alles viel schwieriger als in anderen Jahren, findet er. Auch auf dem Johanneshof haben sie verzweifelt nach Erntehelfern gesucht und viele Angebote von Schülern, Studenten und arbeitslosen Gastronomiemitarbeitern bekommen. Sie anzulernen sei jedoch nicht einfach. „Und die jungen Leute sind mittlerweile auch wieder weg, weil sie zum Unterricht müssen“, berichtet Pauly. Wer Kurzarbeitergeld oder Hartz IV beziehe, dürfe außerdem nicht unbegrenzt dazuverdienen. „Dann ist es kompliziert, diese Leute bei uns zu beschäftigen.“

Immerhin eines haben die Landwirte im Main-Taunus-Kreis festgestellt: Die Kunden schätzen in Zeiten von Corona regionale Produkte ohne lange Lieferketten. Das sei ein positiver Effekt der Pandemie, sagt Reiner Paul. „Ich hoffe, dass dieser Trend nachhaltig ist.“ Der Wallauer ist einer der großen Erdbeerbauern in der Region. Auf 35 Hektar baut er die roten Früchte an. Im April hat er die ersten im Sonnentunnel geerntet, im Oktober pflücken seine Helfer die letzten vom Feld. Auch Paul hat in diesem Jahr weniger Erntehelfer als in den Jahren zuvor; statt 120 sind nur 90 gekommen. Der bürokratische Aufwand, Mitarbeiter aus dem Ausland zu holen, sei enorm, erzählt er. „Da wird viel Papier bewegt.“

Hinzu kommen die Vorschriften wegen des Infektionsschutzes: Wenn sie in Deutschland ankommen, müssen die Feldarbeiter erst mal 14 Tagen in „faktische Quarantäne“. Das heißt, sie wohnen, essen und arbeiten in den Gruppen zusammen – getrennt vom übrigen Personal des Bauernhofes. Bei der Arbeit auf dem Feld muss der vorgeschriebene Mindestabstand eingehalten werden. Das Gesundheitsamt des Kreises kontrolliert dies. Die Bauern behelfen sich: Bei der Erdbeerernte ist nur in jeder zweiten Reihe ein Helfer am Pflücken.

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