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„Das, was deiner Schwester angetan wurde, war Mord“

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Ein Schutzengel auf dem Grab von Silke Thielsch mkn
Ein Schutzengel auf dem Grab von Silke Thielsch mkn © Knapp

Sieben Jahre nach Todesfahrt soll 2023 der zweite Prozess beginnen

Kriftel - Wie in den meisten Wohnzimmern wird auch im Haus von Uwe Thielsch im Odenwald heute Abend der Tannenbaum leuchten. Oben in den Baum hat der 54-Jährige wieder eine Kugel mit dem Namen seiner Schwester gehängt. Es ist nun schon das achte Fest, das er ohne Silke feiern muss. „Wir waren jedes Weihnachtsfest zusammen. Und besonders der 24. Dezember war uns im wahrsten Sinne des Wortes heilig“, erzählt Uwe Thielsch. Das neue Jahr 2023, es beginnt für ihn mit der Hoffnung, dass nun endlich das furchtbare Geschehen juristisch aufgearbeitet wird, das ihm am 6. September 2015 seine Schwester nahm. Uwe Thielsch erinnert sich noch genau daran, als der Lebensgefährte seiner Schwester anrief und sagte: „Silke ist tot“. Hatte sie einen Unfall? „Nein, sie wurde getötet“.

Sie warteten auf das nächste Taxi

Erst am nächsten Morgen erfuhr der Bruder damals, was genau geschehen ist: Mit ihrem Lebensgefährten Olli Kriz hatte die Teammanagerin der Frauen-Handballmannschaft der Krifteler Turn- und Sportgemeinschaft (TuS) nach dem Besuch eines Hoffestes am Rand eines Zebrastreifens an der Straße „Auf der Hohlmauer“ gestanden. Sie warteten auf das nächste Taxi. Beide küssten sich. Der damals 25 Jahre alte Hendrik R., der an diesem Abend mit dem Mercedes seines Vaters unterwegs war, hielt mit dem Wagen an dem Zebrastreifen. Als ihm Olli Kriz signalisierte, an ihnen vorbeizufahren, fuhr Hendrik R. ein Stückchen an und stoppte wieder. Er fuhr noch mal an, stoppte wieder. Dann gab er Gas. Silke Thielsch wurde auf die Motorhaube geschleudert. Als sie runterrutschte, verfing sie sich im Radkasten, Hendrik R. fuhr weiter, schleifte die 43-Jährige mit. Erst 400 Meter später stoppte diese Todesfahrt.

Olli Kriz hat das Geschehen deutlich vor Augen. Er weiß noch, wie er mit Silke am Zebrastreifen stand. „Dann fehlen mir ein paar Sekunden“. Als er auf der Straße liegend wach wird, „ist meine Frau, die gerade doch noch neben mir war, weg“. Oliver Kriz steht auf und läuft in den Kreisel, „irgendwo musste sie doch sein“, weiß er noch genau die Gedanken, die ihn bewegten. Er und weitere Zeugen folgten dem Auto, das erst hinter der Kreuzung mit der Landestraße stoppte. Freunde wollten den Lebensgefährten davon abhalten, sich dem Auto zu nähern. Er ließ sich nicht aufhalten ...

Wie blanker Hohn muss es für die Angehörigen geklungen haben, als sie erfuhren, dass Hendrik R. damals einen Notruf absetzte mit den Worten: „Eine Frau ist mir ins Auto gelaufen“. Dabei hatten die beiden Insassen auf der Rückbank des Mercedes den Fahrer angeschrien und aufgefordert, seinen Wagen zu stoppen. Sehr genau habe damals die Polizei gearbeitet, lobt Kriz noch heute die professionelle Beweisaufnahme, die „mit extrem großem Aufwand betrieben wurde“. Dennoch dauerte es zwei Jahre, bis schließlich der erste Prozess vor dem Frankfurter Landgericht begann.

Uwe Thielsch erinnert sich noch genau an den ersten Prozesstag Ende Oktober 2017. Wie die Zuschauer, darunter viele Freunde von Silke Thielsch, wartete er darauf, zum ersten Mal dem Mann ins Gesicht zu sehen, „der meine Schwester getötet hat“. Unter anderem kam auch ein junger Mann in einer weißen Jacke in den Saal, „Ist er es“? Nein, der Dunkelhaarige setzte sich ja in die letzte Reihe im Besucherraum. An der Anklagebank standen nur die beiden Verteidiger des Angeklagten. Als Richter Volker Kaiser-Klan den Saal I betrat, erhob sich auch der junge Mann in der weißen Jacke und kam die Treppen herunter, dabei hielt er sich eine schwarze Mappe vors Gesicht, und nahm auf der Anklagebank Platz. Welch ein bizarrer Auftakt ... Dass gleich zu Beginn der Verhandlung die Verteidigung des Todesfahrers zudem eine außergerichtliche Einigung angeboten hatte, empfindet Uwe Thielsch noch heute als „pietätlos und unangemessen“. Er möchte, dass der Mann, der seiner Schwester das angetan hat, bestraft wird.

„Nicht nur Freunde und Bekannte konfrontieren mich immer und immer wieder mit der These: ,Das, was deiner Schwester angetan wurde, war Mord!’“ Dazu schweigt Uwe Thielsch. Nur so viel: „Der Angeklagte hat nicht nur das Leben meiner Schwester Silke ausgelöscht, sondern mir und meiner Familie unerträgliches Leid zugefügt - und tut es immer noch.“ Seit dem Tod seiner Schwester kann Thielsch nur noch stundenreduziert arbeiten. Nachts findet er trotz Schlafmitteln keine Ruhe. „In meinen Fantasien spielt sich der qualvolle Tod von Silke, eingeklemmt und erstickend in einem Radkasten, immer und immer wieder ab.“

Im Februar 2018 wurde dann das Urteil gegen Hendrik R. gesprochen: Fünf Jahre und sechs Monate ohne Bewährung wegen vorsätzlicher Körperverletzung mit Todesfolge in Tateinheit mit vorsätzlicher Körperverletzung und schwerer Verkehrsgefährdung. Sowohl die Staatsanwaltschaft, die ein höheres Strafmaß gefordert hatte, als auch die Verteidigung des Angeklagten, die eine Bewährungsstrafe für ihren Mandanten beantragt hatten, legten Revision ein. Zu der Verhandlung vor dem Bundesgerichtshof (BGH) in Karlsruhe im April 2019 war der Angeklagte nicht erschienen. Vertreten wurde er von einem gut bezahlten Fachanwalt für Revisionsverfahren aus Berlin, der als Koryphäe für Verteidigung vor dem BGH gilt. Genutzt hat es nichts. Die Richter des BGH hielten das Urteil des Frankfurter Landgerichts für fehlerhaft und hoben es auf.

Dass die Strafkammer einen bedingten Tötungsvorsatz abgelehnt hatte, da nicht erwiesen sei, dass der Angeklagte das Mitschleifen des Opfers wahrgenommen habe, halten die Richter des BGH für „lückenhaft“. Eine Einschätzung, die sowohl Uwe Thielsch als auch Olli Kriz hundertprozentig teilen. Viele Freunde können es nicht begreifen, wie man es nicht bemerken will, dass man eine etwa 70 Kilo schwere Frau mitschleift. Die Karlsruher Richter hatten außerdem kritisiert, dass „die kriminelle Energie“ des Mercedes-Fahrers nicht genügend gewürdigt worden ist. Diese Formulierung ist der Ehefrau von Uwe Thielsch, Anja, genau im Gedächtnis geblieben.

Auf den zweiten Prozess, der dann vor der 22. Strafkammer des Frankfurter Landgerichts unter der Leitung von Jörn Immerschmitt stattfinden wird, warten die Angehörigen nun schon über drei Jahre. Bereits im Januar dieses Jahres sollte der zweite Prozess starten. Zehn Verhandlungen waren schon genau terminiert worden. Einen Tag vor Prozessauftakt wurde der Termin gestrichen - einer der Beteiligten hatte Corona. In der Pandemie nicht ungewöhnlich. Dass jedoch schließlich der gesamte Prozess platzte, ist vielen unverständlich. Da das Urteil noch keine Rechtskraft hat, ist der Mercedes-Fahrer weiterhin auf freiem Fuß. Da keine Fluchtgefahr bestand, blieb ihm die Untersuchungshaft erspart. Für viele Bürger kaum nachvollziehbar. Der eigentliche Skandal besteht für Uwe Thielsch wie für Olli Kriz jedoch darin, dass die Gerichte so überlastet sind, dass sich der Prozess so lange hinzieht. „Nach den deutlichen Ausführungen des BGH hege ich jedoch ein Fünkchen Hoffnung auf eine gerechtere Bestrafung“, sagt Uwe Thielsch, der allerdings fürchtet, dass sich strafmildernd für den Angeklagten auswirken kann, dass das Verfahren schon so lange dauert.

Auf Nachfrage dieser Zeitung erklärte der Sprecher des Landgerichts Frankfurt, Werner Gröschel, dass der zweite Prozess nun „voraussichtlich im ersten Quartal 2023 terminiert“ werden soll. Den Angehörigen steht damit ein emotionaler Kraftakt bevor, werden doch wieder alle Einzelheiten aus der Nacht im September 2015 aufgewühlt. Doch die Familie braucht endlich ein Urteil, um mit dem furchtbaren Geschehen abschließen zu können. „Es fühlt sich an wie eine Wunde, die noch nicht verheilen kann“, sucht Olli Kriz bildlich einen Vergleich seiner Gefühle. Doch egal wie das Urteil ausfallen wird. Eine Narbe wird für immer bleiben ...

Sie war fröhlich und lebensbejahend: Silke Thielsch. privat
Sie war fröhlich und lebensbejahend: Silke Thielsch. privat © Privat

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