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Sven Köppel führt den Rechner PDP 12 vor.
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Sven Köppel führt den Rechner PDP 12 vor.

Kelkheim Technikum 29

Die Urahnen der Smartphones

Wer bei Computergeschichte an Atari oder Commodore 64 denkt, liegt falsch: Im "Technikum 29" in Kelkheim-Hornau stehen Geräte, die Informationen mit Lochkarten, Lochstreifen oder Magnetbändern vermitteln. Fast alle Geräte funktionieren noch, wovon sich FR-Leser bei einer eigenen Führung überzeugen können.

Von Steffen Boberg

Wenn der Schlüssel auf „Go“ steht, beginnt der kühlschrankgroße PDP-12-Rechner sanft zu brummen. Sorgsam beobachtet Heribert Müller die aufflackernden Lämpchen der Konsole und drückt eine Kombination auf den blauen Kippschaltern. Das Demoprogramm startet: „Talk to me“ schimmert es in einer grünen Sprechblase auf dem Bildschirm.

Einst hat der Laborrechner von 1969 rund 400 000 Mark gekostet. Heute ist es ein Exponat im „Technikum29“, dem privaten Computer- und Kommunikationsmuseum in Kelkheim-Hornau. Der Diplom-Physiker Heribert Müller hat die Ausstellungsstätte im Jahr 2005 in einem ehemaligen Sparkassengebäude eröffnet. Der 66-Jährige hat dafür zwei thematische Schwerpunkte entwickelt: Besucher können entweder die Geschichte der Computer oder die Entwicklung der Kommunikationstechnik kennenlernen.

Wer bei Computergeschichte jedoch sofort an einen Atari oder Commodore 64 denkt, liegt falsch: Es geht auf einer Fläche von 300 Quadratmetern vor allem um Geräte, die Informationen mit Hilfe von Lochkarten, Lochstreifen oder Magnetbändern vermitteln. „Wir haben keinen einzigen Personal-Computer, wie man sie heute kennt, sondern stellen riesige Maschinen vor“, erklärt Heribert Müller. Das Besondere und Einzigartige des Technikums: Fast alle Geräte funktionieren noch.

Eine dieser riesigen, funktionierenden Maschinen ist der Bull Gamma 10, für den manche Wohnung im Studentenwohnheim schon zu klein ist. Gut 20 Quadratmeter Fläche benötigt die EDV-Anlage. „Wir haben das einzige Modell der Welt, das noch funktioniert“, sagt Heribert Müller über die Datenverarbeitungsanlage aus dem Jahr 1963. Seiner Liebe zum Detail ist es zu verdanken, dass im Inneren des Bull Gamma 10 jedes Kabel durch kleine Lämpchen erleuchtet wird.

Das Technikum findet Interessenten auf der ganzen Welt. Die zweisprachige Internetseite verzeichnet täglich bis zu 4000 Klicks. Besonders viele davon kommen aus Amerika. Dort sei man sehr neidisch auf den Großrechner Univac 9400, verrät der pensionierte Lehrer Heribert Müller.

Das tonnenschwere Rechenzentrum wurde einst mit zwei Lastkraftwagen angeliefert und ist dank eines Programmierers und eines Technikers wieder funktionsfähig. „Es war ein Glücksfall, die beiden zu finden. Ohne sie hätte ich es nie geschafft, das Teil in Gang zu setzen“, sagt der Kelkheimer. „Wir wollen schließlich keinen Schrott ausstellen. Das wäre tote Materie, die irgendwo rumsteht.“

Rundfunk- und Faxgeräte als Schwerpunkt

Aktuell ist der pensionierte Physiklehrer damit beschäftigt, das erste Rechenzentum der Technischen Hochschule Darmstadt wieder in Gang zu setzen. Bei solchen Einsätzen bekommt Müller Unterstützung von seinem 24-jährigen Sohn Sven Köppel. Der Physik- und Informatikstudent machte etwa den Bull Gamma 10 mit eigens entwickelter Software wieder fit. „Dafür haben wir eine Art Controller in Größe eines Smartphones angeschlossen. Jetzt kann man mit dem Großrechner drucken.“

Alles im „Technikum 29“ hat mit Rundfunkgeräten und Faxgeräten angefangen. Das ist bis heute der zweite Schwerpunkt des Museums. So finden sich im ehemaligen Tresorraum der Bank, hinter einer dicken Panzertür, der Fernseh-Projektor Saba Telerama aus dem Jahr 1956 und das vermutlich erste TV-Gerät Kelkheims von 1953.

Besucher, egal ob eine Schulklasse oder ein Betriebsausflug, können sich für eine Führung zwischen Kommunikationstechnik und Computergeschichte entscheiden. Um den Rest kümmert sich der Museumsleiter, ob mit Comicfiguren oder einer Ralley: „Als Pädagoge weiß ich, wie man Besucher bei der Stange hält und Schulkinder begeistert“, sagt der 66 Jahre alte Kelkheimer und schmunzelt.

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