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„So eine Tragödie noch nie erlebt“

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Ihre Heimat ist Dnipro: Olena Kobelchak und Tetyana Fischer (rechts) im Hilfsgüter-Lager im alten Feuerwehrhaus in Münster.
Ihre Heimat ist Dnipro: Olena Kobelchak und Tetyana Fischer (rechts) im Hilfsgüter-Lager im alten Feuerwehrhaus in Münster. © wein

Eppenhainerinnen waren in Dnipro zu Hause, das von einem Anschlag erschüttert wurde

Kelkheim - Es sind mindestens 45 Menschen tot, weitere 20 werden vermisst. Der Einschlag einer russischen Rakete in ein Hochhaus in der ukrainischen Stadt Dnipro hat im fast ein Jahr dauernden Krieg eine massive Bestürzung weltweit ausgelöst. Dass hier Zivilisten direkt angegriffen werden, ist unfassbar. Es hätte viel mehr Menschen treffen können, denn in dem Wohnkomplex mit mehreren Mehrfamilienhäusern leben rund 1700 Personen.

Auch Olena Kobelchak hat dort eine Wohnung im Abschnitt 1, während die Rakete im Bereich der Nummer 12 einschlug, wie sie beim Treffen mit dieser Zeitung berichtet. Die 44-Jährige wohnt mit ihrem neun Jahre alten Sohn und ihrer Schwester mit deren beiden Kindern derzeit im Pfarrgemeindehaus in Eppenhain. Schon seit Anfang März ist sie hier, während ihr Mann in der Ukraine noch seinem Beruf als Lehrer nachgeht. Ihre Freundin Tetyana Fischer, die in Eppenhain seit gut 20 Jahren lebt und sich im Hilfsverein „Gemeinsam für die Ukraine“ engagiert, hat ihr geholfen, hier in Deutschland Fuß zu fassen.

Auch Fischer stammt aus Dnipro. Gemeinsam machten sie sich vor zwei Jahrzehnten als Au-Pair auf den Weg nach Deutschland, arbeiteten in Bad Soden und Eppenhain ganz in der Nähe. Dabei lernten sie sich kennen, wurden Freundinnen. Nun hat sie der Weg zusammengeführt. Mit Blick in die Heimatstadt sind sie nach dem brutalen Angriff erschüttert. „So eine Tragödie hat Dnipro noch nie erlebt“, weiß Fischer trotz zuvor tobender Kriegswirren. Beide kennen sie eine Familie, die getötet wurde. In einem anderem Fall habe die Mutter aus der Badewanne lebend geborgen worden können, während Mann und Kind gestorben seien, berichten sie beim Treffen im alten Feuerwehrhaus Münster. Von dort starten Hilfstransporte des Frankfurter Vereins sowie der Kelkheimer Initiativen.

Der Krieg werde durch einen solchen Anschlag in Dnipro „persönlicher“, sagt Fischer. Sie kannte das Haus. Ein Angriff an einem Samstagnachmittag, wenn alle Familien zu Hause seien - die 44-Jährige ist entsetzt. In ihrer Heimat wissen die Menschen spätestens jetzt: „Es kann jeden treffen.“ Auch Fischers Schwester, die in Dnipro lebt und dort nicht weg möchte. Die Eppenhainerin koordiniert die Transporte in Deutschland, ihre Schwester ist das Pendant in der Ukraine: „Ich würde sie am liebsten hierher holen. Aber jeder hat seine gewisse Aufgabe. Ihr Part, zu helfen, ist dort.“

Olena Kobelchak wiederum hat die besagte Wohnung in dem Komplex vermietet. Ihr Mann lebt im eigenen Haus. Ihre Sorge ist natürlich groß. Sie wisse nicht, ob sie wieder in die Heimat zurück wolle. Die Sicherheit des Sohnes, der in Ruppertshain die Grundschule besucht, geht erst einmal vor. Kobelchak hat einige Zeit im Kindergarten dort gearbeitet. Nun hat der Integrationskurs Vorrang. Sie hilft im Verein mit, ist im Verteilzentrum in Bad Homburg aktiv. Fischer hat Unterstützung aus der ganzen Familie. Ihr Mann Klaus, ihr Sohn Sebastian (19) machen mit. Tochter Victoria ist 12 Jahre alt und hilft schon als Mentorin ukrainischen Kindern in der Schule. Dankbar ist Fischer über die starke Unterstützung der Stadt Kelkheim und der Initiativen dort. Der nächste Transport soll Ende Januar wieder rollen.

Sie hoffe nun, dass die Welt durch den schrecklichen Angriff stärker „aufgewacht“ ist. Ihre Schwester sage: „Du bist hilflos.“ Und wisse nun, dass „nicht mehr unterschieden“ werde bei den Zielen. Aber dadurch sei ihre Heimatstadt „noch mehr zusammengewachsen“. Fischer hat sich vor 20 Jahren zwar für Deutschland entschieden, „doch mein Herz ist in der Ukraine“, betont die Steuerberaterin und Fachberaterin für Internationales Steuerrecht. Sie weiß, das „integrierte Ausländer“ wie sie bei der Hilfe eine wichtige Rollen spielen und nimmt diese an. Ihr wäre es lieber, sie könnte mit dem Verein in Bildung investieren. Doch nun sei die direkte Hilfe wichtig. Gut vorstellen kann sich Fischer, dass die Gruppe nach einem erhofften Kriegsende weiter aktiv bleibt. Wann das sein wird? Sie hofft inständig darauf, dass der Satz des Präsidenten Wolodymyr Selenskyi wahr wird. Er habe vom „Jahr des Sieges“ gesprochen.

Ein Trümmerfeld in der ukrainischen Stadt Dnipro: Fast 50 Menschen kamen bei einem Raketen-Anschlag auf dieses Hochhaus ums Leben. dpa/weiner
Ein Trümmerfeld in der ukrainischen Stadt Dnipro: Fast 50 Menschen kamen bei einem Raketen-Anschlag auf dieses Hochhaus ums Leben. dpa/weiner © dpa

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