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Mulden für Hochwasserschutz

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Direkt am Weg gegenüber der Tennisplätze hat sich eine neue Mulde schon mit Wasser gefüllt. Anke Schleich, Lutz Groot Bramel, Albrecht Kündiger und Hendrik Bickel (v. l.) sind zufrieden.
Direkt am Weg gegenüber der Tennisplätze hat sich eine neue Mulde schon mit Wasser gefüllt. Anke Schleich, Lutz Groot Bramel, Albrecht Kündiger und Hendrik Bickel (v. l.) sind zufrieden. wein © Weiner

Niederschlag soll mit Dutzenden Vertiefungen im Wald gehalten werden

Kelkheim - Steffen Lang vom Baggerunternehmen Lang aus der Nähe von Lauterbach leistet Präzisionsarbeit. Obwohl sein Baufahrzeug rund 16 Tonnen wiegt und nur eine kleine Lücke zwischen den Bäumen hier im Wald am Hornauer „Reis“ hat, wird die Erde genau abgetragen, dann am Rand zum Teil wieder aufgebracht. Eine etwa ein Meter tiefe und drei Meter breite Mulde ist entstanden. Mit der Rückseite der Schaufel glättet Lang den Rand, damit er nicht vom Wasser gleich wieder weggeschwemmt wird.

Alte Löcher wurden reaktiviert

Der Unternehmer hat hier im Hornauer Wald eine ebenso interessante wie knifflige Aufgabe. Salopp gesagt, muss er einfach nur viele Löcher buddeln. Doch darf er dabei nicht zu viel von der grünen Umgebung zerstören und soll die Mulden dauerhaft anlegen. Bürgermeister Albrecht Kündiger, Förster Hendrik Bickel, die für den Wald zuständige Rathaus-Mitarbeiterin Anke Schleich und der Kelkheimer Naturfreund Lutz Groot Bramel schauen sich das Baggern interessiert und zufrieden an. Bald ist der Fachmann mit den Arbeiten fertig, dann hat er rund 15 neue Mulden hier am „Reis“ angelegt sowie 16 alte Löcher wieder reaktiviert.

Doch warum lassen die Stadt und der Forst nach etwa ebenso vielen Mulden im Wald bei Münster im Frühjahr nun wieder im großen Stil zwischen den Bäumen buddeln? Aus drei Gründen, wie der Bürgermeister erläutert. In erster Linie sei dies ein Mittel, um das Wasser im immer trockeneren Forst zu halten und versickern zu lassen. Dann sei es ein Beitrag für den Hochwasserschutz, da das Nass nicht mehr mit Tempo auf die Siedlungen zufließen könne, sondern durch die Mulden gebremst werde. Zudem werden sie Tieren eine Lebens-, Laich- und Nahrungsstätte bieten.

VORREITER BEIM PROJEKT

Wie Förster Hendrik Bickel weiß, wird das Mulden-Projekt in der Region so langsam verbreitet. Kronberg habe schon viele solcher Löcher im Wald angelegt. Sie seien inzwischen „das Mittel der Wahl“. Bickel: „Es wird mehr werden.“ Lutz Groot Bramel ergänzt, dass es zum Beispiel im Hofheimer Wald solche Mulden nicht gebe. Doch er rät dazu, dass Kelkheim Nachahmer finden kann: „Das Wasser muss aufgehalten werden, bevor es schnell wird. Erst dann bekommt es seine zerstörerische Kraft.“

Auf den Punkt bringt Bürgermeister Albrecht Kündiger die Sache mit Blick auf den Hochwasserschutz: „Wenn wir es machen, dann richtig. Einfach nur ein Loch zu graben, das wäre wohl zu kurzsichti g.“ Beim Rundgang kommt die Gruppe auch an einer Weihnachtsbaum-Schonung vorbei. Bickel und Anke Schleich kündigen an, dass es am 17. Dezember am Parkplatz Breite Weg wieder einen Termin für Bürger zum Selbstschlagen geben soll. wein

„Wenn’s richtig regnet, schießt das Wasser hier runter“, sagt der Bürgermeister und denkt ungern an den August 2020 zurück. Damals wurden einige Keller im Wohngebiet unterhalb überflutet. Die Stadt hat reagiert und neue Gräben am Feldrand anlegen oder alte Rinnen ausbuddeln lassen. Die Idee, im Wald die Mulden anzulegen, hat Bürger Groot Bramel mit aufgebracht. Er hat von einem ähnlichen Projekt in Bad Orb erfahren - und es über die FDP auch in den politischen Geschäftsgang gebracht. Im Oktober 2021 hat die Stadtverordnetenversammlung dann beschlossen, dass solche Versickerungsmulden im Wald angelegt werden sollen.

Das sei unter dem Strich eine Maßnahme mit größerer Wirkung, aber für kleineres Geld, findet Groot Bramel, der mit dem nun vorgestellten Ergebnis sehr zufrieden ist. Für die neuen Mulden wird Förster Bickel rund 12 000 Euro ausgeben, damit aber auch bestehende Löcher etwa am Rettershof oder am Staufen noch einmal nachbessern lassen. Im Frühjahr seien nur rund 5000 Euro nötig gewesen. Die Stadt hat in Kooperation mit dem Planungsbüro Pi-Plus und Hessen-Forst Standorte ausgesucht.

An einer Stelle oberhalb eines Telekommunikationsgebäudes sind noch Furchen zu erkennen. Dort sei der Bagger im Frühjahr fast komplett mit den Rädern im Schlamm verschwunden, berichtet Bickel. Nun unternimmt er einen neuen Anlauf, diese Mulde anzulegen - ein „M“ an zwei Bäumen weist Baggerfahrer Lang die Richtung. Um das Gebäude weiter zu schützen, soll das Ende eines natürlichen Grabens zudem zugeschüttet werden.

„Es gibt viele Arten, die von den Sickermulden profitieren werden“, nennt Förster Bickel einen weiteren wichtigen Aspekt und zeigt beim Rundgang Aushebungen, die zum Teil zugewachsen sind, die Wald-Optik nicht stören, aber ihre Funktion noch erfüllen. Hier am „Reis“ habe es vor 20 Jahren schon solche Mulden gegeben, wissen Bickel und Schleich. Warum aber erst jetzt die Fortsetzung? Früher sei zu viel Wasser aus dem Wald abgeleitet worden, die Trockenheit nicht präsent gewesen, sagt Groot Bramel. Nun werde durch den Klimawandel immer mehr deutlich, dass Feuchtigkeit im Forst „Mangelware“ sei. Der Naturfreund nennt das Projekt ein „Musterbeispiel“ und hebt die sehr gute und schnelle Zusammenarbeit von Stadt und Forst hervor.

Baggerfahrer Lang legt eine neue Mulde im Wald am „Reis“ an.
Baggerfahrer Lang legt eine neue Mulde im Wald am „Reis“ an. © Weiner

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