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Sayed Rahim Mosavi mit seiner Frau Marzia Mosavi und den vier Kindern auf dem Dach des Kelkheimer Rathauses.
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Sayed Rahim Mosavi mit seiner Frau Marzia Mosavi und den vier Kindern auf dem Dach des Kelkheimer Rathauses.

Kelkheim

Kelkheim: Schwierige Wohnungssuche nach der Flucht

  • Andrea Rost
    VonAndrea Rost
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Weil er in Afghanistan als Ortskraft mit deutschen Behörden zusammenarbeitete, musste Sayed Rahim Mosavi aus seinem Heimatland fliehen. Jetzt sucht er für seine Familie in Kelkheim ein neues Zuhause. Doch das ist nicht so einfach.

Sayed Rahim Mosavi wischt mit dem Finger über sein Smartphone. Fotos tauchen auf dem Bildschirm auf. Sie zeigen den 35-Jährigen in seinem Büro in Kabul, bei internationalen Konferenzen und Fernsehauftritten. „Ich war eine bekannte Person in Afghanistan“, sagt Sayed Rahim Mosavi, und Stolz schwingt mit in seiner Stimme. „Ich habe für Menschen- und Bürgerrechte und für Demokratie in meinem Land gekämpft, mit Entwicklungsorganisationen und deutschen Behörden zusammengearbeitet.“

Mitte August war damit von einem Tag auf den anderen Schluss. Wie viele andere Ortskräfte, die mit dem Ausland zusammenarbeiteten, musste sich Sayed Rahim Mosavi mit seiner Frau Marzia und den vier Kindern vor den Taliban in Sicherheit bringen. Auf der Flucht mit dabei waren auch seine Mutter, seine Schwägerin und sein Neffe. „Ich habe meinen Bruder 2019 bei einem Angriff der Taliban in Kundus verloren. Ich fühle mich für seine Frau und seinen Sohn verantwortlich“, sagt Sayed Rahim Mosavi.

Gestern sitzt die Familie im Plenarsaal des Kelkheimer Rathauses. Bürgermeister Albrecht Kündiger (UKW) hat zum Pressegespräch eingeladen. Er will aufmerksam machen auf das Schicksal der afghanischen Ortskräfte, die es nach Deutschland geschafft haben, und auf die Probleme, mit denen sie konfrontiert sind.

Sayed Rahim Mosavi schildert die Flucht von Kabul an die Grenze zu Pakistan, wo die Familie mit unzähligen anderen Flüchtenden mehrere Stunden lang bei sengender Hitze warten musste. Das Trinkwasser ging aus. „Mein jüngster Sohn ist fast gestorben“, erzählt der Familienvater. Für einen Flug von Afghanistan nach Deutschland habe ihnen das Visum gefehlt, sagt Sayed Rahim Mosavi. „Der Weg über die Grenze nach Pakistan war für uns die einzige Möglichkeit, das Land zu verlassen.“

Ende September schafften sie es mit Unterstützung der Deutschen Bundesregierung nach Deutschland, seit Mitte Oktober sind sie in Kelkheim. Überglücklich sei er, mit seiner Familie in Sicherheit zu sein, sagt Sayed Rahim Mosavi. Einige Zeit musste er um Mutter, Schwägerin und Neffen bangen, für die es zunächst keine Visa gab. Mittlerweile habe er die offizielle Bestätigung, dass auch sie von Pakistan aus nach Deutschland einreisen können. „Das erleichtert mich sehr.“

Wie alle Ortskräfte haben die Mosavis ein Bleiberecht für die nächsten drei Jahre. In dieser Zeit sollen sie sich in Deutschland integrieren, dürfen aber den Landkreis, in dem sie Fuß gefasst haben, nicht verlassen. Er habe Kontakt mit anderen Ortskräften, die jetzt in Deutschland leben, erzählt Sayed Rahim Mosavi, sei international gut vernetzt. Um sich und seine berufliche Zukunft macht er sich keine Sorgen. Er spricht gut Englisch, hat zwei Bachelorabschlüsse in Wirtschaftswissenschaften und persischer Literatur und ein Masterdiplom in öffentlicher Verwaltung. Kontakte gibt es auch zur Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) in Eschborn. In der kommenden Woche will Sayed Rahim Mosavi mit einem Deutschkurs beginnen. „Ich muss die Sprache gut beherrschen, ehe ich auf Jobsuche gehen kann“, sagt er. Die neunjährige Tochter besucht in Kelkheim die Grundschule, die sechsjährige geht in den Kindergarten, die beiden Söhne, drei und vier Jahre alt, stehen auf der Warteliste einer Kita.

Das Hauptproblem der afghanischen Familie sei momentan die Wohnungssuche, berichtet Petra Bliedtner, die im Kelkheimer Rathaus das Amt für Jugend und Integration leitet. Aktuell leben die Mosavis zu sechst in zwei Räumen in einer Flüchtlingsunterkunft des Main-Taunus-Kreises. Das Sozialamt würde die Kosten für eine eigene Wohnung übernehmen, weiß Bürgermeister Kündiger. Der Mietzuschuss sei aber bei 8,50 Euro pro Quadratmeter gedeckelt. „Dafür ist es schwierig, in der Rhein-Main-Region etwas zu finden“, sagt der Rathauschef und appelliert an Vermieter:innen in der Stadt: Es sei eine Verpflichtung, gerade den ehemaligen Ortskräften, die nach Deutschland geflüchtet seien, zu helfen.

Eine Rückkehr nach Afghanistan kann sich Sayed Rahim Mosavi für seine Familie nicht vorstellen. „Meine Kinder haben ein Recht auf ein friedvolles Leben“, sagt er. Er selbst wolle sich aber auch weiterhin für Menschenrechte und Demokratie in seinem Heimatland einsetzen.

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