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„Jämmerlich, ältere Leute so auszurauben“

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Initiator Jürgen Moog (links) und Bürgermeister Albrecht Kündiger (rechts) freuen sich über viele aktive Senioren-Sicherheitsberaterinnen und -berater in der Stadt. weiner
Initiator Jürgen Moog (links) und Bürgermeister Albrecht Kündiger (rechts) freuen sich über viele aktive Senioren-Sicherheitsberaterinnen und -berater in der Stadt. weiner © wein

Senioren-Sicherheitsberater haben nun Verstärkung / Fälle von Schockanrufen und Rechnungsbetrug

Kelkheim - Das ist so jämmerlich, so brutal, die älteren Leute so auszurauben.“ Bürgermeister Albrecht Kündiger berichtet in der Runde mit dem Kelkheimer Senioren-Sicherheitsberatern von zwei Kriminalfällen, „die mich sehr erschüttern“. An diesem besinnlichen Nachmittag bei Kaffee und Plätzchen werden heftige Themen angesprochen. So weiß der Rathauschef von einer Dame, die in der K+S-Seniorenresidenz in der Stadtmitte betrogen worden sei. Ihr Kühlschrank war am Wochenende kaputt, im Internet sei nach einer Firma gesucht worden, die auch kam und arbeitete. Die gepfefferte Rechnung: rund 1200 Euro. Die Telefonnummer des „Betriebes“ sei anschließend im Internet gelöscht worden, so Kündiger, der zu dieser Sache noch einmal das Gespräch mit der Leitung der Seniorenresidenz suchen möchte.

Schulungen für die Ehrenamtlichen

Die Person aus dem zweiten Fall ist dem Bürgermeister bekannt. Ein 91 Jahre alter Kelkheimer hat nach einem „Schockanruf“ den Gaunern 43 000 Euro übergeben. Einmal mehr war es Ganoven gelungen, den Herrn mit der Nachricht zu täuschen, seine Tochter habe einen Verkehrsunfall mit Todesfolge verursacht. Nun werde eine Kaution gebraucht. Diese gab er den Betrügern. Der Senior sei immer so stolz gewesen, viele Dinge noch allein tun zu können, „das tut einem so leid“, berichtet Kündiger.

Umso mehr freut er sich, dass die Senioren-Sicherheitsberater in Kelkheim nun noch ein bisschen besser aufgestellt sind. Mit Katharina Kofler aus Hornau und Thomas Zellhofer aus Ruppertshain verstärken zwei Neulinge das Team, das nun zwölf Helfer hat. Sie habe schon immer gerne geholfen, zwischendurch ihre Nachbarn und Bekannten aufgeklärt, sagt Kofler. „Man muss acht geben auf die Sachen, die man macht“, bringt sie es auf einen einfachen Nenner. Stadtrat Zellhofer wiederum ist der erste Berater für die „Bergdörfer“ Ruppertshain und Eppenhain. „Diese Lücken muss man schließen“, betont er und hebt die gute Ausstattung der Gruppe mit Informationszetteln, den blauen Warnwesten und eigenen Taschen hervor.

Angesprochen wurde das neue Duo vor allem von Jürgen Moog. Der ehemalige Chef der Polizeidirektion Main-Taunus hat sich im Ruhestand der Belebung des Kreis-Präventionsrates verschrieben. Dort ist er zusammen mit Peter Nikolai der Geschäftsführer, dort haben sie die Sicherheitsberater als wichtigste Säule etabliert. 126 ehrenamtliche Berater gibt es im Kreis, sogar 167 wurden hier ausgebildet, weil auch die Schulungen für Wiesbaden übernommen wurden, berichtet Moog, der natürlich froh über jeden weiteren Neuzugang ist.

„Wir haben die Notwendigkeit, dass wir uns um unsere Senioren kümmern“, macht er deutlich. Denn er weiß, dass noch viel Überzeugungsarbeit zu leisten ist. „Der Senior, der sagt: ,Es kann mir nicht passieren’, der hat es noch nicht begriffen.“ Die Betrüger seien so clever, es gebe immer neue Formen. Anfangs war es der „Enkeltrick“, dann die „falschen Polizisten“, inzwischen sind es mehr die „Schock-Anrufe“ und der Betrug über Whats-App. Zwar zeigten die Maßnahmen der Berater „Wirkung“, wie Moog betont. Doch die Menschen müssten weiter und regelmäßig betreut werden. So unterstütze zum Beispiel der ehemalige Leiter der Kelkheimer Gruppe, Rolf Burger, immer noch ältere Menschen.

Inzwischen koordiniert Helmut Loos das Team und hat mit Petra Krause für Susanne Herr eine neue Stellvertreterin an seiner Seite. Der ehemalige Polizeibeamte sieht eine Mannschaft auf Augenhöhe, in der die Chemie stimme. „Es ist schön, dass es so lebt. Und es wird weiterleben“, ist Moog optimistisch.

Für Gunda Lenk von der städtischen Beratungsstelle „Älter werden in Kelkheim“ sind die Sicherheitsberater „immens wichtig, dass es sie gibt“. Für die allgemeine Seniorenarbeit seien sie oft so etwas wie ein „Türöffner“. Lenk: „Es ist gut, wenn man noch mal mit einem anderen Auge schaut.“ Die Berater seien in Kelkheim längst bekannt und sehr akzeptiert, weiß der Bürgermeister. Die Stadt wolle im Austausch über den Präventionsrat unterstützen. Das sei wichtig, denn es gebe Optimierungspunkte. So warnen die Berater vor Haustürgeschäften. Auf der anderen Seite habe die Deutsche Giganetz auch auf diese Weise für einen Glasfaser-Anschluss geworben und sich nicht nur Freunde gemacht, weiß Kündiger. „Da kommen wir an Konfliktsituationen.“ Dann werde zum Energiesparen aufgerufen. Wenn andererseits aber viele Lichter abends ausgeschaltet seien, gebe das weniger Sicherheit.

„Ein Handwerker kündigt sich an. Auch Giganetz hätte sich ankündigen können“, sagt Moog. Potenzial sieht er beim Projekt „Safe my Grandma“, bei dem Enkel Großeltern Tipps geben können. Hier sollte enger mit der Jugendarbeit kooperiert werden, hofft Moog, der die Zusammenarbeit mit Polizei und Ordnungspolizisten lobt, aber ein Problem sieht: Die Straftaten zu Lasten älterer Menschen seien in der Statistik so nicht erfasst. Hinzu kommen Dunkelziffern, weil sich viele nicht trauen, sich Fälle einzugestehen und sie anzuzeigen.

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