1. Startseite
  2. Rhein-Main
  3. Main-Taunus-Kreis
  4. Kelkheim

Eine Firma, die Kelkheim wie keine andere prägte

Erstellt: Aktualisiert:

Kommentare

Die Belegschaft der Firma 1897 mit Gründer Wilhelm Dichmann im Anzug vorne. StADTARCHIV
Die Belegschaft der Firma 1897 mit Gründer Wilhelm Dichmann im Anzug vorne. StADTARCHIV © Stadtarchiv

Dichmann Holzbetrieb vor 150 Jahren gegründet

Kelkheim - Dietrich Kleipa hat jetzt keine Aufsätze über die bedeutendste Firma der Möbelstadt geschrieben. Doch er weiß als Ex-Stadtarchivar mit über 50 Dienstjahren auch so eine Menge über die Dichmann Holzwerke, die den Bereich der Frankenallee und der Hauptstraße Jahrzehnte prägten. Vor 150 Jahren wurde die Firma dort am Liederbach von Wilhelm Dichmann gegründet, seit 2003 hat sie unter dem Namen Vario aber ihren Sitz in der benachbarten Gemeinde Liederbach. Dort wurde das Jubiläum mit einem Tag der offenen Tür in diesem Jahr gefeiert.

Doch der wesentlich größere Kelkheimer Teil der Geschichte kam etwas kurz. Die Philosophie geht in eine andere Richtung: „Vario sieht den Austausch mit den jungen Gestalter/-innen als einen der wichtigsten Impulsgeber für künftige Produktentwicklungen des Unternehmens. Dieser Idee treu bleibend, möchte Vario sein Jubiläumsjahr nicht damit verbringen, in Archiven zu stöbern, Geschichte aufzuarbeiten und sie zu inszenieren.“ Grund genug für diese Zeitung, mit den Kelkheimer Protagonisten in jenen Archiven zum Geburtstag in der für die Stadt wichtigen Geschichte zu stöbern.

Selbst Bürgermeister Albrecht Kündiger gesellt sich zum Treffen mit Kleipa und dem Nachfolger als Stadtarchivar, Julian Wirth, hinzu. Wirth hat die wichtigsten Meilensteine gesammelt (Text rechts). Das Trio ist sich einig: Die Firma Dichmann habe den Ort geprägt wie kein anderes Unternehmen. Das fängt schon beim Stadtbild an, denn der Bereich am Liederbach wurde dominiert. Wo heute die Tankstelle steht, war früher das große Holzlager. Das Furnierwerk war ein großes Gebäude. In einem Becken wurden exotische Hölzer gewässert. Kleipa erinnert sich, wie sie auf das unbewachte Gelände schlichen und sich auf dem kleinen See ein Floß bauten. „Und wir wurden nie erwischt“, sagt er grinsend.

Gut 300 Beschäftigte, auch einige Frauen

Markant sei auch die kleine Betriebsbahn gewesen, die vom heutigen Bahnhof über den Mittelweg bis zum Dichmann-Gelände führte. Ein Aufpasser mit Fahne habe vorneweg gehen müssen, weiß Kleipa. Der Bahnhof mit einem großen Kran sei ein „Umschlagplatz“ für die Hölzer gewesen. Von 1944 bis Mitte der 1950er-Jahre rollte die Bahn, sei offensichtlich nie offiziell genehmigt worden, hat Wirth aus den Unterlagen herausgelesen.

MEILENSTEINE DER FIRMENGESCHICHTE

1840 wurde Wilhelm Dichmann in Hofheim geboren, er lernte Drechsler. 1872, Kelkheim hatte um die 800 Einwohner, gründete er seine Sägemühle für Drechslerarbeiten und die Herstellung von Bürstenhölzern, später stellte er serienmäßig Halbfertigerzeugnisse für die Wohnmöbelindustrie her.

Im Laufe der Jahre traten die sieben Söhne des Gründers in die Firma ein. Ab 1912 wurde sich auf die Herstellung von Büromöbeln konzentriert, zudem der Handel mit Furnieren begonnen.

Mit dem 1954 vorgestellten Organisationsmöbel-Programm Vario wird auch der heutige Firmenname geboren, den das Unternehmen dann 1972 annimmt. Nach dem Brand 1982 folgt Konkurs. Die Dichmanns verkaufen an die Skandinavisk Holding. red/wein

Hörbar war eine Art Signal des Unternehmens, wie eine Pfeife von Dampfloks oder Schiffen, vergleicht Kleipa. „Der ganze Ort hat es gehört, das hat einfach dazugehört zu Kelkheim“, sagt Kündiger auch für Dichmann als Firma allgemein. Die Pfeife habe die Schichten der Arbeiter eingeläutet, weiß Kleipa. Denn in der Mittagspause kamen viele Beschäftigte zu ihm in das Lebensmittelgeschäft Schade & Füllgrabe an der Hauptstraße. Kleipa hebt hervor, dass Dichmann auch Frauen beschäftigt habe - für die Branche selten. Von bis zu 300 Beschäftigten in den besten Zeiten ist die Rede, darunter zeitweise gut 50 Frauen.

Das Werk strahlte weit in die Stadt hinaus. Wie die Historiker wissen, sei die Schlacke als Restprodukt aus der Produktion für die Befestigung des „Schwarzen Weges“ verwendet worden, daher der Name. Es gab sogar einen zweiten Firmensitz im Bereich der heutigen Frankfurter Straße/Lorsbacher Straße in Richtung Park „Sindlinger Wiesen“. Die Unternehmerfamilie hatte großen Einfluss in der Stadtpolitik. Leonhard Dichmann, der jüngste der sieben Söhne von Wilhelm, war Stadtverordneter, saß im Kreistag, regte die Gründung der Kulturgemeinde an und war deren Vorsitzender. Sein Bruder Walter war Stadtverordnetenvorsteher. „Man konnte in Kelkheim keine Politik ohne sie machen“, sagt Wirth. Das hohe Ansehen verhalf auch zu wichtigen Entscheidungen, denn eine damals diskutierte Umgehungsstraße lehnten die Dichmanns ab, so nach dem Motto: Die Autos sollen alle an den Kelkheimer Schaufenstern vorbeifahren. Auch wenn Dichmann selbst kein Ladengeschäft hatte, dafür aber bei den Möbelausstellungen meist einen der größten Stände.

An ein „Familienunternehmen mit angenehmem Arbeiten“ erinnert sich Ralph Armagni, der acht Jahre im Büro beschäftigt war. „Das war der Arbeitgeber Nummer eins. Wer dort unterkommen konnte, der hatte sich freigeschwommen.“ Renato Besantini war von 1976 bis 2006 dort beschäftigt, als gelernter Schreiner in der Lackiererei für die Büromöbel. „Das war eine sehr, sehr soziale Firma“, hebt er hervor. Wenn mal Überstunden gemacht werden mussten, seien diese nicht nur gut bezahlt, die Mitarbeiter abends noch zum Essen eingeladen worden. Eine Kantine mittags mit Speisen für 2,50 Mark habe es gegeben.

Die große Familie Dichmann wurde aber offenbar zunehmend zum Problem. Es gibt das Gerücht, dass zu viel Geld aus der AG entnommen wurde, was sich laut Wirth aber in keiner Chronik findet. Und dann kam 1982 noch der große Brand im Furnierwerk in der „schwarzen Halle“ hinzu, bei dem 300 Feuerwehrleute lange im Einsatz waren, ein Schaden von rund 5 Millionen Mark genannt wurde. Noch in dem Jahr wurde die Firma verkauft, in Kelkheim bis Ende 2002 weitergeführt. Dann brach Vario, wie das Unternehmen längst hieß, seine Zelte ab und zog nach Liederbach. In der Möbelstadt war sich die Politik laut Kündiger über eine Wohnbebauung des Dichmann-Geländes einig. Auch wenn die Häuser „Hasenställe“ genannt wurden, so ist es ein beliebtes Wohngebiet geworden. Die Holzvertäfelungen an Gebäude könnten an Dichmann erinnern, so Kündiger. Sicher weist die Wilhelm-Dichmann-Straße auf den Mann hin, dessen Firma Kelkheim 131 Jahre geprägt hat.

Auch interessant

Kommentare