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Eine Familie und die Demokratie

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In Hornau hatten Gagerns ihr Zuhause. Torsten Weigelt haben diese Orte fürs Buch inspiriert. wein/mainbook
In Hornau hatten Gagerns ihr Zuhause. Torsten Weigelt haben diese Orte fürs Buch inspiriert. wein/mainbook © wein

Torsten Weigelt zeichnet in seinem Buch ein differenziertes Bild über zwei Generationen der von Gagerns

Kelkheim - Auf dem Platz zwischen Gagernhaus, Gagernsteinen und Gagernweg tummeln sich Jugendliche. Ob sie wissen, welche historische Bedeutung dieser Teil Hornaus auch für die Demokratiegeschichte Deutschlands hat? Wohl noch weniger. Einer, der sich mit der Familie von Gagern nun bestens auskennt, ist Torsten Weigelt. Er wählt für das Interview mit dieser Zeitung direkt den Weg in die Martinskirche. Der richtige Platz, um über ein wichtiges Thema zu sprechen.

Der 51 Jahre alte Journalist, der in Kelkheim wohnt, hat Neuland betreten. Er hat unter dem Titel „Gagern - Pioniere der deutschen Demokratie“ die erste Biografie der Familie geschrieben. Am 14. Oktober stellt er das Buch in Kelkheim bei der Premierenlesung vor, danach ist er damit auf der Buchmesse und bei anderen Terminen. Der Zeitpunkt ist ideal: 2023 jährt sich die erste Nationalversammlung in der Frankfurter Paulskirche zum 175. Mal - an dieser Geburtsstunde des Parlaments haben die Gagern entscheidend mitgewirkt. Heinrich wurde erster Präsident, sein Bruder Max hatte wichtige Funktionen in Verfassungsausschuss und provisorischer Regierung. Bruder Friedrich wirkte zuvor programmatisch im Hintergrund, Vater Hans-Christoph hatte schon früher Fäden gezogen.

Diskussionen im Kuhstall

Da passt es, in der Hornauer „Nachbildung“ der Paulskirche über das Buch, die Familie und die Zielsetzung zu reden. Er sei in Kelkheim am Kloster geboren, „man wächst mit den Gagern auf“, erzählt Weigelt, der sich für das Projekt 2021 ein Jahr berufliche Auszeit genommen hat. Als Journalist habe er an den Texten für eine Broschüre über den Gagern-Rundweg mitgewirkt. Weil sich ein, zwei kleinere Fehler eingeschlichen hätten, habe ihn das motiviert: „Jetzt will ich mehr erfahren.“

So suchte Weigelt nach Literatur - und fand sie kaum. Es gebe eine Habilitationsschrift von Frank Möller 2004 über Heinrich von Gagern, die aber nie veröffentlicht wurde. So beschloss er, diese Lücke selbst zu füllen.

Mit Gerd Fischer vom in Frankfurt gut vernetzten Verlag Mainbook fand er schnell einen Unterstützer. Weigelt las sich ein, die Möller-Arbeit konnte er zum Beispiel nur im Lesesaal der Deutschen Bibliothek einsehen. Einige alte Schriften entdeckte er im Internet, einen Briefwechsel der Familie - 1848 ging es da fast täglich hin und her - im Staatsarchiv in Darmstadt.

Er habe bewusst die ganze Familie mit zwei Generationen in den Blick nehmen wollen. Auch wenn die politischen Entscheidungen oft woanders von den Gagern getroffen wurden, so sei ihr Weg doch immer stark eingebettet gewesen in die Heimat im Hofgut in Hornau. Das sei ein bisschen so wie „Urlaub auf dem Bauernhof“ gewesen, sagt Weigelt schmunzelnd und hat eine passende Konversation gefunden. Sie stammt aus dem Brief Hans Christophs an Friedrich von 1832: „Wegen dem Heinrich habe ich aber überall einen harten Stand. Sei es Persönlichkeit oder Ort oder Namen, seiner Wirksamkeit, seinem Betragen legt man fast mehr Wichtigkeit bei, als nötig ist, und überall in herben Ausdrücken [...] Allerdings hatte ich letzthin einmal eine lange Konversation mit ihm - im Kuhstall zu Hornau, auf und ab gehend, und zu meiner Befriedigung. Aber so reitet man auch oft mit Agrément ein Pferd, das hernach doch durchgeht.“

PREMIERE IN KELKHEIM

Mit einer Buchpremiere starten in Kelkheim die Veranstaltungen zum Jubiläum 175 Jahren Nationalversammlung in der Paulskirche in 2023. Der Neu-Autor Torsten Weigelt wird sein Werk „Gagern - Pioniere der deutschen Demokratie“ im Vorfeld der Buchmesse in seiner Heimatstadt vorstellen. Beginn ist am Freitag, 14. Oktober, um 19 Uhr im Rathaus, Gagernring 6. Anmeldungen sind notwendig unter fuehrungen.museumkelkheim@web.de.

Am Samstag, 22. Oktober, liest Weigelt während der Buchmesse im Rahmen der Reihe „Open Books“ ab 16 Uhr im Historischen Museum Frankfurt. Am Dienstag, 8. November, hält der Autor um 19.30 Uhr im Kurhaus Bad Homburg einen Vortrag über die Familie von Gagern und die Revolution von 1848/49. Und am Mittwoch, 23. November, spricht er ab 19.30 Uhr im Franziskushaus Hornau über „Die Brüder Gagern - Von Hornau in die Paulskirche“. red

Weigelt ordnet es ein: „Heinrich war kurz zuvor erstmals in die Zweite Kammer des Landtags von Hessen-Darmstadt gewählt worden und hatte dort sofort einen oppositionellen Kurs gegen die Regierung eingeschlagen; sein Vater saß in der Ersten Kammer, also der Adelskammer, und musste sich die Beschwerden der Standesgenossen über den Sohn anhören.“

Die Gratwanderung zwischen Monarchie und Demokratie - es ist, woran sich Kritiker der Gagern stoßen, sie sogar als „Antidemokraten“ bezeichnen. Das hat Weigelt besonders beleuchtet unbetont: „Sie waren weder Heilige noch Schurken.“ Natürlich habe die Familie das allgemeine Wahlrecht zunächst abgelehnt. Doch 1848 seien sie zu Kompromissen bereit gewesen, „für eine Gesamtlösung über ihren Schatten zu springen“. Sie seien nicht als „die Erfinder der Demokratie“ auf einen Sockel zu heben. Aber sie seien auch keinesfalls Gegner der Demokratie gewesen und hätten über ein gutes Jahrhundert an entscheidenden Entwicklungsprozessen bis zum ersten Paulskirchen-Parlament mitgewirkt. So dass Weigelt mit seinem Werk „für eine differenziertere Sicht auf die Familie werben“ möchte. Er wolle „eine konstruktive Diskussion“ jenseits eines „Schwarz-Weiß-Denkens“ anstoßen.

Und das vor dem aktuellen politischen Hintergrund. Mit seiner Verknüpfung von Familien- und Demokratiegeschichte greift Weigelt eine Tendenz auf, demokratische Traditionen genauer in den Blick zu nehmen und die Aufarbeitung der Diktaturen aus Nazi-Zeit und DDR zu ergänzen. Der Bundestag hat 2019 die Stiftung „Orte der Demokratiegeschichte“ gegründet, die Paulskirche soll um ein Demokratiezentrum ergänzt werden. „Die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit kann den Blick auf die Gegenwart schärfen. Sie kann deutlich machen, wie wichtig es ist, sich für die liberale Demokratie einzusetzen, ohne ihre Defizite und das Noch-nicht-Erreichte auszublenden“, ist der Autor überzeugt.

Dazu könne das neue Kelkheimer Museum beitragen, in dem die Gagern eine wichtige Rolle erhalten sollen. Er könne sich auch vorstellen, das Thema in Schulen zu bringen. Die Stadt will einiges für das Gagern-Bild tun, plant zum Jubiläum Film, Konzert und Ausstellung. Weigelt, der im Planungsteam sitzt, findet das gut und sagt: „Mir ist die Familie richtig ans Herz gewachsen.“

Das Buch hat gut 300 Seiten und erscheint als Hardcover am 19. Oktober zur Buchmesse im Mainbook Verlag. Es kostet 25 Euro, ISBN: 9783948987-61-9.

Brüder und Vater auf dem Titel.
Brüder und Vater auf dem Titel. © Mainbook Verlag

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