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Ein Buch begeistert Heinrichs Ur-Ur-Enkel

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Rüdiger von Gagern signiert Hildegard Bonczkowitz eines ihrer Bücher. Autor Torsten Weigelt und von Gagerns Frau Adelheid freuen sich ebenfalls über die gelungene Premierenlesung. wein
Rüdiger von Gagern signiert Hildegard Bonczkowitz eines ihrer Bücher. Autor Torsten Weigelt und von Gagerns Frau Adelheid freuen sich ebenfalls über die gelungene Premierenlesung. wein © wein

Rüdiger von Gagern bei Premierenlesung von Torsten Weigelts „Gagern - Pioniere der deutschen Demokratie“

Kelkheim - Er ist zwar nicht der Hauptdarsteller des Abends, aber schon ein gefragter Mann: Wann gibt es schon mal die Gelegenheiten, einen echten „von Gagern“ kennenzulernen? Der Kelkheimer Torsten Weigelt hat es geschafft, mit der Premierenlesung seines Buches „Gagern - Pioniere der deutschen Demokratie“ den Ur-Ur-Enkel des ersten Paulskirchenpräsidenten Heinrich von Gagern in den Plenarsaal zu locken. Rüdiger von Gagern ist mit seiner Frau Adelheid gerne hier in Kelkheim, pflegt zum Beispiel einen guten Kontakt zu Ärztin Hildegard Bonczkowitz. Und sie wiederum lässt sich nach der Lesung gleich drei Bücher vom Gast aus St. Augustin bei Bonn signieren.

Auch Weigelt muss oft zum Stift greifen. Das Interesse der gut 100 Zuhörer am Buch, an der Geschichte der Familie, die fast 50 Jahre im Hofgut Hornau lebte, ist groß. Der Abend mit einer Mischung aus Lesung, einem Interview von Redakteurin Andrea Rost und Klarinetten-Musik von Roman Kupferschmidt ist gelungen. Von Gagern ist regelrecht angetan. Das Buchprojekt sehe er „sehr, sehr positiv“. Ähnlich wie Weigelt hebt er die Lebensleistung des Familienoberhauptes Hans Christoph von Gagern hervor, der ein sehr mutiger und gebildeter Mensch gewesen sei. Sein Ur--Ur-Opa Heinrich, von dem er schon viel in der Familie erfahren habe, sein hingegen „ein bisschen mehr Sturm und Drang“ gewesen. „Ich habe immer versucht, ein positives Bild der Familie zu zeichnen“, betont der Nachfahre. Denn es seien ja auch „friedliche Leute“ gewesen. Dass Friedrich von Gagern als Militär-Offizier in Kelkheim in der Schrift „Der Anti-Gagern“ auch als „Bluthund“ bezeichnet wird, „das hat mich schon geschmerzt“, so von Gagern. Aber natürlich gebe es immer andere Sichtweisen der Epochen, räumt der Gast ein.

Die Familie von Gagern differenzierter zu betrachten - das ist ein Ziel von Weigelts Buch. Sie seien weder Heilige noch Schurken gewesen, bekräftigt er eine Überschrift dieser Zeitung im Interview. Nach den heutigen Maßstäben wären sie keine Demokraten gewesen, hätten aber auch „nicht verbohrt an ihren Vorstellungen“ festgehalten und immer Kompromisse gesucht.

Abstimmung 1848 mit einigen Pannen

„Ich wollte zunächst gar nichts schreiben, sondern selbst etwas lesen“, sagt er. Doch es habe außer einer nicht veröffentlichten Habilitationsschrift nichts Aktuelles gegeben. Also beschloss er mit seinem Freund und Mainbook-Verleger Gerd Schmidt, diese Lücke zu schließen. So wühlte sich Weigelt durch 185 Kartons des Familienarchivs in Darmstadt. Die größte Überraschung? Auch Weigelt hebt die Leistung des Vaters hervor, der Kontakte zu Napoleon, dem Freiherrn von Stein und Fürst Metternich pflegte, beim „Wiener Kongress“ dabei war. Um die Leistung der drei Brüder Heinrich, Max und Friedrich zu erklären, gehöre diese Vorgeschichte dazu. Geschluckt habe er kurz, als auf dem Titelbild die vier Männer abgebildet waren, so Weigelt. Doch die Frauen der Familie hätten eben keine politische Rolle gespielt - immerhin sei Charlotte aber so etwas wie die Finanzministerin im Hofgut gewesen.

Passend zum Leseort Kelkheim wandert Weigelt bei seiner Premiere mit den drei Brüdern hoch zum Fischbacher Staufen, wo sie 1838 ihren berühmten Treueschwur ablegen. Dass sich der Vater dann im Kuhstall zu Hornau über den in der Landtags-Opposition sehr forschen Heinrich beklagt, ist eine weitere lokale Anekdote. Das Hofgut habe als Mittelpunkt schon eine wichtige Rolle gespielt, Friedrich zum Beispiel viele Urlaube dort verbracht.

Auch dessen Tod beim Heckeraufstand im Schwarzwald liest Weigelt im Detail - verbunden mit der noch heute ungeklärten Frage, wer dort eigentlich den ersten Schuss abgegeben habe. Amüsant wird es zum Schluss: Die Wahl Heinrichs zum Präsidenten der ersten Nationalversammlung am 18. Mai 1848 steckt voller Pannen. Die Wahlurnen fehlen, es gehen Hüte herum. Dann steht auf vielen Zetteln schlicht „Gagern“ - von denen es mit Max und Heinrich zwei im Plenum gibt. Da aber per Sonder-Abstimmung keiner für den Jüngeren die Hand hebt, ist Heinrich deutlich gewählt. Und wird sieben Mal im Amt bestätigt, weil damals monatlich zu den Urnen gegangen wird. Weigelt: „Frau Ostrowicki, da würde ich Ihnen viel Vergnügen wünschen.“ Gemeint ist Parlamentschefin Julia Ostrowicki, die den Plenarsaal als passenden Ort nennt, weil hier „Meinungsvielfalt immer präsent“ sei. Im Parlament sei „jeder einzelne Mensch wichtig“, nicht die Parteien. Trotz der Demokratie-Kritik an der Adelsfamilie von Gagern seien sie doch „Kämpfer für die Einheit Deutschlands“ gewesen und sollten im Museum mit einer Fläche gewürdigt werden. Bürgermeister Albrecht Kündiger schätzt das Buch, weil es die auch von ihm schon lange angemahnte differenzierte Sichtweise auf die Familie ermögliche. „Nur so kann Geschichts-Aufarbeitung gelingen.“ wein

Das Buch kostet 25 Euro, ISBN: 9783948987-61-9. Weigelt liest am 22. Oktober, 16 Uhr, im Historischen Museum Frankfurt, am 23. November, 19.30 Uhr, hält er im Franziskushaus einen Vortrag.

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