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Wegen Personalmangel: Kelkheimer Traditionsbäckerei schließt nach 103 Jahren

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2019 feierte das damalige Team mit Marion Gerharz, Ulrike Jessberger, Martina Dorn, Angela Schütz, Iris und Thomas Ungeheuer, Jürgen Rampelt (von links) noch den 100. Geburtstag. weiner
2019 feierte das damalige Team mit Marion Gerharz, Ulrike Jessberger, Martina Dorn, Angela Schütz, Iris und Thomas Ungeheuer, Jürgen Rampelt (von links) noch den 100. Geburtstag. weiner © wein

In Kelkheim im Main-Taunus-Kreis schließt nach 103 Jahren die Traditionsbäckerei Ungeheuer ihre Tore. Der Betrieb findet kein Personal mehr.

Es ist gerade mal rund sechs Wochen her, als Bürgermeister Albrecht Kündiger der Bäckerei Ungeheuer einen Besuch abstattete. Die Kunden hatten Sorge um die Zukunft des Betriebes, wenn die Robert-Koch-Straße bald saniert und teilweise gesperrt wird. "Unsere Lieblings-bäckerei soll bleiben" - das forderten sie und hatten binnen weniger Tage Hunderte Unterschriften gesammelt. Sie wollten auf keinen Fall, "dass der letzte ,echte' Bäcker im Umkreis sein traditionsreiches Handwerk aufgeben" muss. "Das wäre ein großer Verlust für uns alle."

Doch auch wenn der Bürgermeister den Ungeheuers damals zusicherte, dass alle Betriebe während der Bauzeit erreichbar bleiben, und der Bäcker da noch guter Hoffnung war, so ist der befürchtete Fall nun eingetreten: Die Bäckerei Ungeheuer hat ihre Tür nach 103 Jahren am Samstag endgültig und für alle sehr überraschend geschlossen. Die Kunden standen in langen Schlangen an, um noch ein letztes Mal Brot und Brötchen zu holen, sich aber vor allem von ihrem Bäcker im "Bergdorf" zu verabschieden. Es sei sogar manche Träne geflossen, berichtet Kündiger.

Aus für Kelkheimer Bäckerei Ungeheuer: "Die Stadt kann nichts dafür"

Nachdem er vom Aus am Freitagabend erfahren hatte, war er am Samstag um 7.30 Uhr in der Backstube bei Thomas und Iris Ungeheuer, um mehr über die Gründe zu erfahren. Das hätte diese Zeitung gerne direkt auch, doch die Familie war nach der Schließung nicht zu erreichen. "Hier am Ort zu überleben, ist eh schon schwer", hat der Bäcker- und Konditormeister bereits beim Besuch Ende Juni auf gestiegene Preise für Energie und Rohstoffe aufmerksam gemacht. Und als neues Problem kam die Sorge um die Baustelle hinzu.

Mit einem "Die Stadt kann nichts dafür" sei er von den Ungeheuers am Samstag empfangen worden, berichtete Kündiger. Das aktuelle Problem neben den gestiegenen Kosten sei vor allem der Personalmangel, erfuhr er vom Chef. Zwei Kräfte mussten aus gesundheitlichen Gründen aufhören, Nachfolger seien fast nicht zu finden. Bei den fehlenden Fachkräften sieht Kündiger Deutschland noch "gesamtgesellschaftlich vor große Herausforderungen gestellt".

Traditionsbäckerei Ungeheuer: Vorletzter Bäcker in Kelkheim mit eigener Backstube

Er sagt aber mit lokaler Sicht: "Für Ruppertshain und die umliegenden Orte ist das ein schwerer Schlag." Die Nahversorgung hier in den "Bergdörfern" werfe das zurück. Ruppertshain sei mit Ungeheuer und Peter Neuhaus, der vor fünf Jahren die Backstube schloss, "privilegiert gewesen", sie hätten "für besondere Qualität gestanden", waren als "Obergässer" und "Untergässer" bekannt. Auch für Thomas Zellhofer, Vorsitzender des Bürgervereins "Stimme für Ruppertshain", ist die Nachricht ein "Schock". Deshalb wollen sowohl die Stadt als auch der Verein schauen, ob es eine Nachfolgelösung geben kann. Laut Kündiger ist das bei Ungeheuers mit Ladenlokal, Backstube und Wohnraum in einem Haus schwierig. "Wir sind an dem Thema dran, werden aktiv werden", ergänzt Zellhofer.

Mit Ungeheuer geht der vorletzte Kelkheimer Bäcker mit eigener Backstube und Ende des Jahres macht mit Raimund Dorn in Münster der Letzte seines Faches zu. Dort übernimmt der Krifteler Bäcker Heislitz, der auch in Fischbach als Nachfolger für den Betrieb Wittekind eine Lücke schließt. Wie es in Ruppertshain kommt, ist offen.

Kelkheim (Main-Taunus-Kreis): 1919 gab es noch drei Bäckereien im Stadtteil

1919 habe es noch drei Bäckereien in Ruppertshain gegeben, berichtete Ungeheuer 2019 zum Jubiläum. Neben dem "Untergässer" Peter Neuhaus bis 1935 noch den Bäckermeister und Bürgermeister Peter Ohlenschläger gegenüber der heutigen Bankfiliale, woran eine Tafel erinnert. Ins "Bergdorf" verschlug es Großvater Johann Ungeheuer, einen Schloßborner, nach den Gesellen- und Wanderjahren. Er übernahm den "Obergässer Bäcker", heiratete die Nachbarstochter Anna Lind. Sie hatten drei Söhne, wobei der designierte Nachfolger Hans im Krieg fiel, dann Hermann übernahm. Dessen Sohn Thomas hatte schon mit 14 mitgearbeitet, lernte beim Fischbacher Bäcker Wittekind und übernahm 1988 den Betrieb. (red)

Erst vor wenigen Monaten hatte in Frankfurt eine Traditionsbäckerei geschlossen. Der Vermieter des Betriebs in der Schwanthaler Straße wollte den Vertrag nicht verlängern.

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