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Archäologe Martin Posselt und Beate Matuschek mit Plänen der rekonstruierten Klosteranlage am Rettershof.

Kelkheim

Archäologe rekonstruiert Kloster am Rettershof

  • Andrea Rost
    vonAndrea Rost
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50 Nonnen lebten einst in der Prämonstratenserinnen-Anlage zwischen Fischbach und Schneidhain im Taunus. Jetzt gibt es erstmals einen Grundriss des im Dreißigjährigen Krieg zerstörten Klosters.

Zwei Jahre lang forschte der Archäologe Martin Posselt mit seinem fachkundigen Team. Und auch Schülerinnen und Schüler des Leistungskurses Geschichte der Kelkheimer Eichendorffschule halfen bei den geophysikalischen Untersuchungen mit. Ihr Ziel: die Grundmauern des im Dreißigjährigen Krieg zerstörten „Klosters Retters“ zu finden.

Jetzt sind die archäologischen Forschungen abgeschlossen und die Ergebnisse ausgewertet. Martin Posselt konnte wissenschaftlich nachweisen, dass das mittelalterliche Nonnenkloster südlich des heutigen Reitbetriebes am Rettershof mit Gestüt und Wohngebäuden stand. An der Stelle, wo man es jahrzehntelang bereits vermutet hatte. Dort hatten die früheren Besitzer des Hofgutes, Felix und Hertha von Richter-Rettershof, 1934 beim Ausgraben eines morschen Walnussbaumes auf dem Gelände des heutigen Reitplatzes drei Meter tief im Boden Überreste eines Kirchenportals gefunden.

Man sei den Grundrissen der Prämonstratenserinnen-Anlage durch magnetografische Untersuchungen und mittels Radarprospektion auf die Spur gekommen, berichtete Martin Posselt gestern in einem Pressegespräch. Per GPS-Ortung habe zudem der Verlauf der Klostermauern im Wald östlich des Rettershofes nachvollzogen werden können. Überreste eines Walls seien heute noch sichtbar.

Historie

Im Jahr 1146 wird das Prämonstratenserkloster Retters als Filialkloster der Mutterabtei Rommersdorf (Neuwied) zunächst als Doppelkloster für Mönche und Nonnen gegründet. Später wird es als Nonnenkloster weitergeführt. 1559 wird Kloster Retters aufgelöst. Im Dreißigjährigen Krieg werden die Gebäude zerstört. Bis Mitte des 18. Jahrhunderts ist Retters ein staatliches Hofgut. Später erwirbt es der Engländer Frederik Arnold Rodewald. 1924 kauft es Felix von Richter und richtet dort den Stammsitz seiner Familie ein. Seit 1980 ist der Rettershof im Besitz der Stadt Kelkheim.

Eine Orientierung zur Anordnung der Klosterbauten gab der Forschungsgruppe die früheste Ansicht des Klosters von Sebastian Wolf aus dem Jahr 1592. Zu dieser Zeit sei das Kloster bereits 33 Jahre geschlossen gewesen, weiß Kelkheims Kulturamtsleiterin Beate Matuschek, die selbst Kunst- und Bauhistorikerin ist und die Forschungsarbeiten begleitet hat.

Die Karte, die das Architekturbüro von Martin Posselt auf der Basis der neuesten Erkenntnisse erstellt hat, zeigt auf dem heutigen Reitplatz des Rettershofes den Grundriss der nach Osten hin ausgerichteten Kirche mit Chor und Sakristei. Südlich schließt sich ein Kreuzgang an, um den sich Funktionsbauten gruppieren, die für das Kloster Retters schriftlich belegt sind: Dormitorium (Schlafhaus) und Refektorium (Speisesaal) der Nonnen, Siechenhaus, ein Einzelgebäude für den Prior, ein Klostergarten, ein Obstgarten und ein Kreuzweg. Der Wirtschaftshof mit Kellern, Scheune und Ställen, Kelterhaus und zwei Weinkellern befand sich am heutigen Gutshof.

Der jetzt rekonstruierte Grundriss der Anlage entspreche im Wesentlichen dem Sankt Galler Klosterplan, der als ideales Vorbild für die Klöster im Mittelalter diente, berichtete Beate Matuschek. Das Kloster Retters sei bis heute das älteste Kloster zwischen Main und Taunus und eines der ersten Klöster des Prämonstratenserordens in der Region. Bis zu 50 Nonnen, meist Töchter aus dem niederen Adel, hätten dort gelebt, sich der Kontemplation gewidmet, aber auch Kranke und Arme im nahen Fischbach oder in Schneidhain versorgt.

Knapp 400 Jahre nach seiner Gründung wurde das Kloster Retters aufgelöst und im 16. und 17. Jahrhundert zerstört. Der Rettershof wurde danach als Hofgut komplett neu aufgebaut. Romanische und gotische Architekturteile der alten Klosteranlage wie ein Kapitell, Rundbögen oder Maßwerk sind im Mäuerchen des Innenhofes verbaut. Ein Handwaschbecken der ehemaligen Klosterkirche befindet sich am heutigen Pferdestall.

Die archäologischen Forschungsarbeiten haben 10 000 Euro gekostet, der Energieversorger Süwag hat sie finanziert.

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