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Kardinal Lehmann und die verdorbene Jugend

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Von: Torsten Weigelt

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Den Hof gibt es seit mehr als hundert Jahren.
Den Hof gibt es seit mehr als hundert Jahren. © Repro Michael Schick

Auch Pilger besuchen immer noch das bekannte Ausflugslokal / Turbulente Geschichte

Für die meisten Menschen ist er der „Gimbi“, ein Ausflugslokal, in dem man leckeren, selbst gekelterten Apfelwein bekommt sowie hessische Spezialitäten wie Handkäs’ und Grüne Soße. Doch einmal im Jahr ist der Gimbacher Hof bei Kelkheim immer noch das Ziel von Pilgern.

„400 bis 500 Leute waren das früher“, sagt Wirtin Margret Schiela. Inzwischen ist die Zahl gesunken, aber immer noch führt die Katholiken aus dem Raum Mainz/Wiesbaden der Weg erst nach Gimbach und dann in die Dreifaltigkeits-Kirche von Kelkheim-Fischbach – auch Kardinal Karl Lehmann war schon unter ihnen. Ziel ist ein Gemälde, das früher in der Gimbacher Kapelle hing und nach deren Abbruch nach Fischbach kam. Seine größte Anziehungskraft verdankt das Wallfahrtsbild nicht seiner überschaubaren ästhetischen Qualität, sondern einem Dekret von Papst Clemens XI., der allen Gimbach-Pilgern einen vollkommenen Ablass der Sünden zusicherte.

1709 entstand gewissermaßen rund um das Bild eine neue Kapelle, die von zunächst einem – später drei – Eremiten betreut wurde. An manchen Tagen mussten sich die „Einsiedler“ um mehrere Hundert Gläubige kümmern. Dieser Andrang führte schnell zu Problemen. So beschwerte sich gegen Ende des 18. Jahrhunderts Pfarrer Andretsch bei seinem Dienstherren in Mainz: „Binnen 20 Jahren meines Hierseins habe ich noch keinen Kirchweihtag zu Gimbach erlebt, wo nicht Schlägereien daselbst vorgekommen sind.“

Schuld daran war der Hofbauer, der an die Pilger Bier, Wein und Schnaps verkaufte – und so dafür sorgte, dass manche recht unchristlich miteinander umgingen. Offenbar war das Problem nicht in den Griff zu bekommen, denn Jahre später beschwerte sich ein anderer Priester über „die verdorbene Jugend von Kelkheim“, die nur noch wegen des Wirtshauses nach Gimbach gehe. 1828 wurde es auch der nassauischen Regierung zu bunt, sie verbot die Wallfahrten. Zwei Jahre später wurde die Kapelle abgerissen und die Steine an einen Landwirt in Oberliederbach verkauft. „Doch das hat dem lieben Gott offenbar nicht gefallen“, sagt Schiela und lacht. Wenig später schlug in dessen Scheune der Blitz ein.

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