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"Inklusion ist kein Sparmodell"

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Von: Andrea Rost

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Barrierefreie Schulen sind ein erster Schritt zur Inklusion.
Barrierefreie Schulen sind ein erster Schritt zur Inklusion. © ddp

Raus aus der Förderschule, rein in normale Klassen. Pädagogen und Politiker sprechen bei einer Diskussion im Landratsamt über die Chancen von gemeinsamem Unterricht für alle Kinder.

Nadine darf nicht mehr am gemeinsamen Unterricht teilnehmen. Das Mädchen ist nach einem frühkindlichen Trauma aggressiv, beschimpft Lehrer und Klassenkameraden, klaut. Anfangs konnte die Neunjährige in den Lernalltag gut integriert werden. Die Klasse hatte eine Regel- und eine Sonderschullehrerin, die sich um Nadine, aber auch um die anderen Schüler kümmerte.

Nun ist die Sonderschullehrerin weggezogen, als Ersatz kam eine normale Grundschullehrerin. Sie und ihre Kollegin kommen mit dem verhaltensauffälligen Kind nicht klar. Nadine sei für den gemeinsamen Unterricht nicht tragbar, urteilten die Pädagoginnen. Das Mädchen wird wohl die Schule wechseln müssen.

Kurt Jacobs, Behindertenbeauftragter der Stadt Hofheim, hat die Geschichte von Nadine gestern im Landratsamt erzählt Sein Publikum: Lehrer, Pädagogen, Vertreter von Behindertenverbänden und Behörden, Politiker, Eltern. Auf Einladung von Schuldezernent Michael Cyriax (CDU) hatten sie sich zu einem Fachtag zum Thema Inklusion getroffen. Damit ist der gemeinsame Unterricht behinderter und nicht behinderter Kinder an Regelschulen gemeint.

Für Kurt Jacobs ist klar: Im Falle von Nadine wurden Ursache und Wirkung verwechselt. „Wenn wir an Inklusion glauben, muss jedes Kind in den Regelunterricht integriert werden können“, sagte Jacobs. Dass Nadine in der Schule nicht tragbar ist, liege dann nicht an ihr, sondern an der sonderpädagogischen Inkompetenz der beiden Grundschullehrerinnen. Eine provokante These, die an Brisanz gewinnt vor dem Hintergrund, dass vom kommenden Schuljahr an laut einer Vorgabe des hessischen Kultusministeriums Schülerinnen und Schüler mit sonderpädagogischem Förderbedarf vermehrt an allgemeinen Schulen unterrichtet werden sollen. Die Eltern haben dann – gemäß der UN-Menschenrechtskonvention über die Rechte behinderter Menschen – die Wahlfreiheit, wohin sie ihr Kind schicken wollen: an eine Regelschule oder an eine Förderschule.

An baulichen Barrieren solle dies in den Schulen des Main-Taunus nicht scheitern, sagte Cyriax. „Als Schulträger tun wir alles, damit behinderte Schüler am gemeinsamen Unterricht teilnehmen können.“

Jacobs sagte, dass Kultusminister und Studienstädte Geld in die Hand nehmen müssten, um die Lehrerausbildung zu verbessern. Eventuell müsse einen Studiengang zur inklusiven Bildung entwickelt werden, um das Thema in den Fokus der Aufmerksamkeit zu rücken.

„Inklusion ist kein Sparmodell“, sagte Jacobs. „Wir müssen eine Vision entwickeln, die langfristig nicht auf die Schule beschränkt bleibt, sondern alle Bereiche des Lebens einschließt.“ Als Vorbild könnte im Kreis die Stadt Hochheim dienen. Dort arbeiten alle fünf Schulen – zwei Grundschulen, eine Integrierte Gesamtschule und zwei Schulen für Körperbehinderte – an einem Modell der Kooperation. Ihm sei daran gelegen, auch im Hofheim und im Ostkreis eine Zusammenarbeit zu entwickeln, sagte Cyriax.

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