Der Archäologe Detlef Gronenborn weiß viel zu erzählen über den Grabhügel am Kapellenberg.
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Der Archäologe Detlef Gronenborn weiß viel zu erzählen über den Grabhügel am Kapellenberg.

Hofheim

Überraschung am Kapellenberg in Hofheim

  • vonJürgen Streicher
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Archäologen entdecken in Hofheim einen Grabhügel, den sie über die Jahre der Forschungsarbeit einfach übersehen haben. Die Funde zweier Beilklingen müssen nun neu gedeutet werden.

Detlef Gronenborn lässt sich gerne Geschichten aus alten Zeiten erzählen. Bodenstrukturen, Erdverfärbungen, jeder Stein und manchmal auch ein völlig unscheinbarer sanfter Hügel im Buchen- und Eichenwald auf dem Kapellenberg erzählen ihm diese wunderbaren Geschichten. Detlef Gronenborn liebt sie, nie wird er es satt, ihnen zuzuhören, wenn er durch das Gelände über der Stadt streift.

Fein gearbeitet: Ganz in der Nähe des Kapellenbergs wurde bei Ausgrabungen im letzten August ein Steinbeil gefunden.

Zuletzt, also seit etwa einem Dutzend Jahren, vor allem in der Gegend um den Meisterturm, wo es von immer neuen Geschichten nur so brodelt. Der Gourmet in ihm lässt deren spannende Inhalte auf seiner Archäologenzunge zergehen „wie gute Schokolade“, er genießt statt zu verschlingen, lässt sich immer wieder verzaubern und entdeckt Neues dabei. Und er kann davon selbst wunderbare Geschichten erzählen.

Wer mit Archäologieprofessor Gronenborn im zeitgeschichtlich noch im Babyalter befindlichen Wald auf dem Kapellenberg umherstreift, vermeint plötzlich auch das alles zu sehen, was der Projektleiter vom Römisch-Germanischen Zentralmuseum in Mainz in Sachen „Höhensiedlung aus der Jungsteinzeit“ in kleinteiliger Handarbeit, aber auch mit modernen Hilfswerkzeugen wie einem 3D-Scan im Wald erforscht hat. Auch der Laie sieht plötzlich den Hügel, der über die Jahre der Forschungsarbeit im Bereich der Außenwälle der einstigen Siedlung und dem vermuteten Leben innerhalb der Wälle einfach übersehenen wurde. Er ist kaum 150 Meter vom heutigen Meisterturm-Biergarten entfernt.

Die über 20 Hektar große Gesamtanlage gilt mit ihren Arbeitsfeldern als einzigartiges archäologisches Denkmal in Europa, in der Siedlung der sogenannten Michelsberger Kultur sollen um das Jahr 3700 v. Chr. ungefähr 900 Menschen gelebt haben. Vergleichbar sei die aktuelle Entdeckung etwa mit den berühmten Grabmonumenten in der Region um Carnac in der Bretagne.

Archäologischer Rundweg

Noch in diesem Sommer soll ein Lehrpfad mit drei Tafeln und 15 Stelen am Kapellenberg eröffnet werden, um die „Ergebnisse der Forschung für die Menschen erlebbar und sichtbar zu machen“, so Bürgermeister Christian Vogt.

Der „Archäologische Rundweg“ ist 4,2 Kilometer lang und kann mit normalem Schuhwerk begangen werden.

Angebunden sein wird der Rundweg an den Regionalparkweg. jüs

„Bis vor kurzem war der Hügel gar nicht erkannt“, musste der professionelle Wühler Gronenborn nun ohne jegliche Zerknirschung verkünden. Seine Entdeckung und die Interpretation als Grabmonument rückt zwei Beilklingen aus Jade und einem anderen Stein wieder in den Fokus der Archäologen. Sie wurden bereits Ende des 19. Jahrhunderts dort geborgen. Die Spur führt aufgrund des verwendeten Materials in die Westalpen, lässt Verbindungen in das sogenannte Pariser Becken und einen Transportweg über Frankreich vermuten. Zuwanderer aus der russischen Steppe kommen auch ins Spiel, Waldarbeiter aus der Zeit um 1880, die ein paar Geldstücke verloren haben, die Übergabe der Beilklingen an den damaligen Landeskonservator ist etwa zehn Jahre danach dokumentiert.

„Jetzt müssen wir folgern, dass die Beile Grabbeigaben für eine bedeutende Persönlichkeit waren“, so Gronenborn. Das Grab selbst wurde wahrscheinlich zerstört, vielleicht als die Waldarbeiter mit den Münzen dort einen Weg anlegten.

Der Grabhügel aber ist da, den sehen alle, die bei der jüngsten Präsentation des Archäologie-Professors am Dienstag dabei waren. „In all seiner Pracht“ vor allem von der Rückseite. Gronenborn und seinem Team ist es gelungen, die gewaltigen Ausmaße des künstlichen Hügels mit einem Durchmesser von 90 Metern und einer erhaltenen Höhe von sechs Metern mit Hilfe eines 3D-Scans korrekt zu bestimmen.

Ob und wie die neue Entdeckung noch in den geplanten achäologischen Lehrpfad integriert werden kann, muss kurzfristig mit der Stadt Hofheim und den Förderern des Projekts abgestimmt werden.

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