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Streuobstwiesen in Gefahr

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Für seinen Apfelwein hat der Marxheimer Christian Schütz (28) vor fünf Jahren den Friedberger Bohnapfel angepflanzt. homann
Für seinen Apfelwein hat der Marxheimer Christian Schütz (28) vor fünf Jahren den Friedberger Bohnapfel angepflanzt. homann © Eva-Maria Homann

Apfelweinkelterer Christian Schütz sorgt sich um die Zukunft der alten Sorten

Hofheim - Heute wird bundesweit der Tag des deutschen Apfels gefeiert. Das kugelige Kernobst ist Lieblingsfrucht der Deutschen, 2000 Apfelsorten gibt es geschätzt hierzulande. Laut der Bundesvereinigung der Erzeugerorganisationen Obst und Gemüse isst jeder Deutsche durchschnittlich 17 Kilogramm Äpfel pro Jahr. „Deutschland ist ein Apfelland“, weiß auch Christian Schütz (28), der 2018 die „Schütz Apfelmanufaktur“ in Hofheim gegründet hat.

In der Kreisstadt wurde der Apfelanbau durch den bekannten Pomologen Richard Zorn gefördert. Die Sorte „Hofheimer Glanzrenette“, die Zorn erstmalig beschrieb, wurde 2021 von der Landesgruppe Hessen des Pomologen-Vereins zur „Hessischen Lokalsorte des Jahres“ gewählt. Die Aktion dient dem Erhalt alter Obstsorten. Das ist auch Schütz’ Ziel. Er stellt Apfelsaft und Apfelwein aus naturbelassenen alten Kelteräpfelsorten wie dem Rheinischen Bohnapfel oder dem Roten Trierer Weinapfel rein von heimischen Streuobstwiesen her.

Als Apfelwein populär wurde

Die Popularität von Apfelwein stieg in den 1860er Jahren durch ein Ungemach: die Reblausplage. Verödete Rebflächen wurden nachfolgend häufig als Obstgärten genutzt. Obwohl die Apfelweinkultur in Hessen 2022 auf die Unesco-Liste des Immateriellen Kulturerbes gesetzt wurde, gebe es viele ungenießbare „Stöffsche“. Mit diesem schlechten Image möchte Schütz aufräumen: „Ich sage mal ganz selbstbewusst, dass ich Zweifler mit meinem Apfelwein überzeugen kann.“

Die Familie des in Flörsheim geborenen und in Hofheim aufgewachsenen Apfelkenners betreibt Landwirtschaft, schon sein Opa hatte einen Apfelweinkeller. Schütz betreut unter anderem die familieneigenen Streuobstwiesen. Nach dem Abi an der Main-Taunus-Schule absolvierte er eine Ausbildung zum Weintechnologen auf Schloss Johannisberg. Es folgte ein Studium an der Hochschule Geisenheim-University mit Fachrichtung Getränketechnologie, seinen Master machte er an der Justus-Liebig-Universität in Gießen. Nebenbei baute er die „Schütz Apfelmanufaktur“ auf. Noch reicht der Gewinn allein nicht, da die Wiesen zu wenig Ertrag abwerfen. Geerntet wird per Hand, Maschinen sind zu teuer. „Mein Traum ist aber, dass ich irgendwann von meiner Apfelmanufaktur leben kann“, so Schütz.

Ein spezielles Rezept gebe es nicht, durch seine Ausbildung habe er jedoch viel gelernt und die Handkniffe aus dem Weinbau auf die Herstellung seines Apfelweines übertragen. „Wichtig für einen Kelterapfel ist die Säurestruktur“, erklärt Schütz. Daher eignen sich moderne Tafelapfelsorten mit viel Fruchtzuckergehalt nicht. Reintönig müsse der „Äbbelwoi“ sein und „schön apfelig“. Gekeltert wird beim Lindenhof Ströll in Hofheim.

Weiter bekannt gemacht hat sich der Hofheimer nach der Coronapandemie mit Ständen auf Festen wie dem Gallusmarkt oder auf Adventsmärkten. „Eine so große Resonanz hatte ich nicht erwartet“, ist Schütz begeistert. Im Angebot hat er neben naturtrübem Apfelsaft eine „normale“ Sorte Apfelwein sowie einen Quitte-Speierling. In Arbeit sind ein Apfelschaumwein und Apfelessig.

Testen kann man die Produkte aus der Apfelmanufaktur in Marxheim in den beiden Gaststätten „Zur Turnhalle“ und „Zur Eiche - Rappel“, bei der Postfiliale Bieger und in Hildegards Hofladen findet man sie im Sortiment.

Neben dem Erhalt alter Apfelsorten ist Schütz das Thema Streuobstwiesen ein Anliegen. Im Gegensatz zur Monokultur auf Obstplantagen liebe er die vorhandene Vielfalt: „Spechte bauen in den Stämmen der Obstbäume ihre Höhlen, gefährdete Tierarten wie Feldhase oder Steinkauz finden hier ein Zuhause. Streuobstwiesen schützen die Pflanzen- und Tierwelt“, unterstreicht er.

Das Problem: Viele Streuobstwiesen verkommen, weil sie häufig nicht mehr gepflegt würden. Der Klimawandel mit trockenen Sommern setze den Bäumen zu. Lange sei nichts nachgepflanzt worden, es fehlten vor allem mittelalte Bäume, die die alte Generation ersetzen. Zusätzlich sei viel für Obstplantagen und Neubaugebiete gerodet worden. Christian Schütz warnt eindringlich: „Die Streuobstbestände werden dezimiert.“

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